Glücksburg mit DDR-Charme

Schöner könnte eine Burg nicht heißen: ein Besuch in der „Glücksburg“ in Römhild, in der leergefegten Südspitze Thüringens.

von Robert Eberhardt

Keine Industrieanlagen stören das Bild, die Landschaft ist weit, die geschwisterlichen Gleichberge wachen als Patrone über die Gegend und ein idyllisches und wenig dicht besiedeltes Thüringen zeigt sich hier wie nirgendwo sonst. Römhild im Kreis Hildburghausen liegt abgeschieden, auch nachdem die einst sich an die Stadt anschließende Sperrzone der innerdeutschen Grenze nicht mehr existiert. Viele wenig bekannte Sehenswürdigkeiten lassen sich in diesem Landstrich erkunden, darunter das Heimatmuseum „Glücksburg“ in der Mitte des Ortes. In einigen Räumen lebt immer noch DDR-Charme, doch ist das in den Mauern beherbergte Museum eine wahre Fundgrube für in dieser Abgeschiedenheit nicht erwartete Objekte.

Beiderseitig reliefierte Marmorplatte aus Pompeji

Ausgestellt wird etwa eine große Sammlung bäuerlichen Gerätes, die nach ihrem Sammler Hönn’sche Sammlung genannt wird und sich geschlossener und qualitativ hochwertiger zeigt als jene vieler anderer Heimatmuseen. Zur Geschichte der Burg und der Stadt gibt es wenige Räume, die jedoch – auch für die Möglichkeiten eines Regionalmuseums – besser und liebevoller arrangiert werden könnten. Die angebotenen Texte und Exponate vermitteln dennoch Informationen, berichten von einigen herausragenden Aspekten der Stadtgeschichte, wie der Biographie Berthold von Hennebergs, Erzbischof von Mainz und sechsunddreißigster Kurfürst des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation, der 1441/42 auf der nahen Hartenburg geboren wurde, oder von der Anwesenheit des Reichspräsidenten von Hindenburg anlässlich einer Parade der Reichswehr 1930.

Bemerkenswert ist die Antikensammlung des Griechen Pierre Mavrogordatos (1870-1948). Der Sammler und Archäologe beteiligte sich unter anderem sieben Jahre lang an den Ausgrabungen von Pompeji, ordnete die Antikensammlung Berlin 1917 neu und bekam durch den ersten Direktor des Römhilder Steinsburgmuseums, Alfred Götze, Kontakt zur Region, in die er sich verliebte und hier eine Waldhaussiedlung gründete. Viele seiner Sammlungsstücke verkaufte und verschenkte er an europäische Museen, dem British Museum allein 145 Verkäufe und 6 Schenkungen. Seine archäologische Privatsammlung ging 1929 an das Steinsburgmuseum und verbindet Artefakte aus sämtlichen Epochen des antiken Griechenlands, ägyptische Kunstwerke, römischen Gold- und Silberschmuck.

Von der eigentlichen Burg kann man bei einem Museumsrundgang recht wenig entdecken, denn die Räume sind neutral und zeugen vor allem von den Einrichtungsmöglichkeiten der DDR. Keller, Gänge und Nebengelass der spätgotischen Anlage sind nicht zugänglich. Der Bau, der während der Regierungszeit des Grafen Friedrich II. von Henneberg-Hartenberg begonnen wurde, 1539 abbrannte und nach dem Tod des letzten Grafen der Römhilder Linie an die Grafen von Mansfeld kam, wechselte bis 1676 mehrfach die Herren aus dem sächsischen-ernestinischen Haus. 1676 übernahm der vierte Sohn von Herzog Ernst der Fromme von Sachsen-Gotha das neu gegründete Herzogtum Sachsen-Römhild und nannte die Burg als Zeichen für seine Frau „Glücksburg“. Eine wunderbare Bezeichnung, die von der Residenzstadtzeit geblieben ist.

Zum Autor: Robert Eberhardt, Autor, Verleger des Wolff Verlags und Student der Kunstgeschichte, ist Vorsitzender der Gesellschaft Kulturerbe Thüringen e.V.

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