Ein kleines Schloss im Zentrum Europas

Der „Musenhof Löbichau“ versammelte Künstler und Politiker in der Thüringer Provinz

von Marlene Hofmann

Historische Ansicht des Schlosses Löbichau – Quelle: Museum Burg Posterstein

Zar Alexander I. von Russland war einmal zu Besuch, Johann Wolfgang von Goethe ebenfalls. Der Dichter Jean Paul blieb 1819 gleich mehrere Wochen, das Schriftstellerpaar Christoph August Tiedgke und Elisa von der Recke gehörten zu den Dauergästen. Zahlreiche illustre Besucher kamen zwischen 1795 und 1821 die Löbichauer Sommerresidenz der Herzogin Anna Dorothea von Kurland (1761–1821), darunter viele Künstler und Politiker, adelige wie bürgerliche. Die weltgewandte Dame verfügte über hervorragende Kontakte in die höchsten gesellschaftlichen Kreise Europas. Im Laufe der Jahre war sie Gast an den Höfen in Berlin, Warschau, Neapel, St. Petersburg, Wien und Paris, eine Privataudienz beim Papst nicht zu vergessen. Ihr Löbichauer Schloss lag aus damaliger Sicht günstig, wenn man sich auf dem Weg von Berlin nach Wien oder von Paris ins schöne Karlsbad befand – und Gäste waren dort immerzu willkommen.

Eine Frau mit Charme und diplomatischen Geschick

Anna Dorothea von Kurland wurde 1761 als Tochter von Johann Friedrich von Medem in Mesothen, Kurland, geboren. Kurland im heutigen Lettland, lag damals weit entfernt von den politischen und geistigen Zentren Europas, ein Puffer zwischen Russland und dem Rest Europas. Allerdings machten Russlandreisende hier regelmäßig Station. Bereits mit 18 Jahren heiratete Anna Dorothea keinen geringeren als den Landesherren Peter Biron, Herzog von Kurland. Aus der Ehe gingen außer einem Sohn, der schon früh starb, nur Töchter hervor. Als das Herzogtum in politische Turbulenzen zwischen russische, österreichische und preußische Machtansprüche geriet, sandte Peter Biron – ein Finanzgenie, aber ohne großes diplomatisches Geschick – seine junge Frau zu den Besprechungen. Die charmante und redegewandte Anna Dorothea trat 1790 in die Welt der Politik ein und verhandelte in Warschau und Berlin geschickt mit den Großen ihrer Zeit. Zunehmend emanzipierte sie sich von ihrem Mann, glänzte allein in den wichtigen Salons und machte unterwegs amouröse Bekanntschaften.

Porträt Dorothea von Kurland/Angelika Kauffmann – Quelle: Museum Burg Posterstein

Als gut situierte Adelige nutzte Dorothea von Kurland die begrenzten gesellschaftlichen und juristischen Möglichkeiten, die ihr um 1800 als Frau offen standen, geschickt aus. Sie organisierte ihr Vermögen in enger Absprache mit ihrem offiziellen Vormund, dem böhmischen Grafen Wratisław, nahm interessiert an der bewegten Politik ihrer Zeit Anteil und bewegte sich sicher auf der gesellschaftlichen Bühne zwischen den großen Staatsmännern ihrer Zeit. Zar Alexander I., Napoleon, Friedrich Wilhelm III., Talleyrand und Metternich kannte sie persönlich. Ihr breites Netzwerk zu den einflussreichen Personen ihrer Zeit, darunter oberflächliche Bekanntschaften wie auch lebenslange Freundschaften und Liebesbeziehungen, pflegte sie nicht nur durch regen Briefkontakt, sondern in gleich mehreren gesellschaftlichen Salons, die sie in Berlin, Löbichau, Karlsbad und Paris unterhielt.

Löbichau im Zentrum Europas

Mit Hilfe ihres Bruders, erwarb Anna Dorothea von Kurland 1795 das Rittergut Löbichau und ließ dort ein neues Schloss im klassizistischen Stil errichten. Im nahe gelegenen Tannenfeld entstand ein Schlösschen als Residenz für ihre jüngste Tochter Dorothee. Die beiden Anwesen befanden sich praktischerweise in zentraler Lage zwischen Berlin, Karlsbad, Sagan und Paris, den wichtigsten Reisezielen Dorotheas. In den Sommermonaten versammelten sich hier zeitweise 300 Gäste gleichzeitig, von Dichtern wie Theodor Körner, Jean Paul, Christoph August Tiedge und Elisa von der Recke bis hin zum Minister des Landes, Hans Wilhelm von Thümmel. Der bedeutendste Gast war aber Zar Alexander I., der hier die Zustimmung der Herzogin zur Ehe der jüngsten Tochter Dorothée mit Talleyrands Neffen und voraussichtlichen Erben Edmond einholte.

Die Sommer in Löbichau

In ihrem „Musenhof“ auf dem Schloss Löbichau arrangierte die Herzogin von Kurland Gesellschaftsabende und Feste, bei denen sie Politiker, Literaten, Künstler, Musiker und Wissenschaftler zusammenbrachte. Manche Gäste blieben nur wenige Tage, andere Wochen und Monate und brachten ihre Familien und Bedienstete mit. Entsprechend groß waren die Vorbereitungen der Gastgeberin, die sich um Einteilung und Möblierung der Zimmer selbst kümmerte.

Die Zeiteinteilung am Musenhof war zwanglos und den Höhepunkt des Tages bildete meist erst der Abend, der alle Gäste zur Teestunde im großen Saal des Schlosses versammelte. Es gab Konzerte, Diners, politische Dispute. Der große Saal in der Beletage des Schlosses oder der illuminierte Park mit samt seiner Insel dienten als Kulisse für Theateraufführungen. Darsteller, Regisseur und Bühnenbildner waren immer die Gäste selbst. Ausflüge nach Ronneburg, Altenburg oder zum Schloss Tannenfeld ergänzten das Programm.

Der Dichter Jean Paul lobte in seinem Taschenbuch für Damen auf das Jahr 1821 die Meinungsfreiheit, die am Musenhof herrschte: „… Schöne Leserin, Sie konnten, wenn Sie in Löbichau an der Tafel saßen oder nachher auf dem Kanapee, welche Meinung Sie wollten, ergreifen oder angreifen – gegen oder für Magnetiseurs – gegen oder für Juden – gegen oder für die Ultras und Liberale; – ja Sie konnten besonders im letzten politischen Falle, wie Sie da wohl als Dame zuweilen tun, Ihre schöne Stimme geben als eine lauteste: niemand wird etwas dagegen sagen – als höchstens seine Gründe …“

Das Ende des Musenhofs

1821 starb Dorothea von Kurland und wurde unter Anteilnahme von rund 7000 Trauergästen in Löbichau beigesetzt. Nach dem Tod der Herzogin kam auch das gesellschaftliche Leben in Löbichau zum erliegen. Zunächst erbte Dorotheas Tochter Johanna von Acerenza (1783–1876) das Anwesen. Ihre Erben verkauften es später an die Deutsche Adelsgenossenschaft, die es als Johanna-Luisenstift und später als wirtschaftliche Frauenschule nutzte. Im Zuge der Bodenreform 1945 enteignete man die damaligen Rittergutsbesitzer. Das Schloss und die Wirtschaftsgebäude wurde nach 1945 stark verändert. Die Räumlichkeiten nutzte man fortan für ein Pflegeheim. Der Landkreis Altenburger Land ließ das Schloss 2009 abreißen. Auf der Fläche wurde ein Neubau errichtet, der wieder als Pflegeheim dient. Heute erinnert nur noch die Fassade mit ihren vier klassizistischen Säulen an Löbichaus Glanzzeiten im frühen 19. Jahrhundert.

„Schloss“ Löbichau heute – Quelle: Museum Burg Posterstein

Bis heute fesselt die Herzogin ein internationales Publikum

Das Museum Burg Posterstein, das nur wenige Kilometer von Löbichau entfernt liegt, ist spezialisiert auf die Forschung über den Musenhof der Herzogin Anna Dorothea von Kurland. In seiner Dauerausstellung und zahlreichen Publikationen stellt das Museum diese Forschungsergebnisse vor. Der Museumsverein pflegt Kontakte zum Landesmuseum in Kurland, zu Museen im polnischen Sagan, Erben in Finnland und zur Talleyrand-Gesellschaft in Paris. Bis 30. April 2012 gibt es auf Burg Posterstein eine Sonderausstellung mit Informationen zu den archäologischen Grabungen, die 2009 im Zuge des Abrisses unter dem Schloss Löbichau stattfanden.

Zum Weiterlesen: 

Die Herzogin von Kurland im Spiegel ihrer Zeitgenossen. Europäische Salonkultur um 1800 – Zum 250. Geburtstag der Herzogin von Kurland, mit Beiträgen von Katarzyna Adamek-Pujszo, Ursula Bode, Imants Lancmanis, u.a. Herausgegeben von Klaus Hofmann, Museum Burg Posterstein 2011.

Hofmann, Sabine und Klaus: Wo ich einst residierte, wo ich Fürstin des Landes war! – Lebensstationen der Herzogin von Kurland, Museum Burg Posterstein 2007. (Dem in deutscher Sprache verfassten Buch sind Übersetzungen ins Französische, Polnische, Lettische und Englische beigefügt.)

Hofmann, Sabine und Klaus: Zwischen Metternich und Talleyrand. Der Musenhof der Herzogin von Kurland im Schloss zu Löbichau, Museum Burg Posterstein 2004.

…Und nachmittags fuhren wir nach Nöbdenitz segeln! Rittergüter im Altenburger Land und ihre Gärten, Museum Burg Posterstein 2007.

Das alte Schloss sehn wir noch heut… – Aus der Geschichte der Rittergüter im Altenburger Land (Teil II), Museum Burg Posterstein 2010.

Paul, Jean: Briefblättchen an die Leserin des Damen-Taschenkalenders bei gegenwärtiger Übergabe meiner abgerissenen Gedanken vor dem Frühstück und dem Nachtstück in Löbichau, in: Paul, Jean: Taschenbuch für Damen auf das Jahr 1821, Tübingen bey Cotta 1821.

Zum Entdecken:

Website und Blog des Museum Burg Posterstein und folgenden Artikel: Subtiler Einfluss – wie Frauen in Salons politisch agierten.

Zur Autorin: Marlene Hofmann, freie Journalistin und Grafikerin, hat bereits an vielen Ausstellungen und Buchprojekten des Museum Burg Posterstein mitgewirkt

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3 Kommentare (+deinen hinzufügen?)

  1. Dr. Sibylle Schmerbach, Gipsstraße 23b, 10119 Berlin
    Jan 29, 2017 @ 20:54:36

    Sehr geehrte Frau Hofmann,

    leider habe ich Ihren Beitrag zum Löbichauer Schloss erst kürzlich entdeckt und ihn mit großem Interesse gelesen.
    Ich bin eine der Töchter des Rittergutsbesitzers Fritz Berhard Pohle, der nach Ihren Ausführungen 1945 im Zuge der Bodenreform enteignet worden sei.
    Dies trifft nicht zu. Das Rittergut fiel auf Grund seiner verbliebenen Größe von unter 100ha Land nicht unter die Bestimmungen der Bodenreform und blieb bis 1959 im Besitz unserer Familie. 1959 wurden wir Mitglied der Landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaft in Löbichau/Nöbdenitz. Nach der Wende erhielten wir unseren Landbesitz zurück.

    Mit freundlichen Grüßen,

    Sibylle Schmerbach geb. Pohle

    Antwort

    • KulThür
      Feb 28, 2017 @ 16:36:07

      Sehr geehrte Frau Dr. Schmerbach,
      vielen Dank für Ihren Hinweis.
      Ich werde versuchen, Ihre Nachricht an Frau Hofmann weiterzuleiten und mit ihr zu klären, wie wir mit der Korrektur verfahren.
      Mit den besten Grüßen,
      Stefanie Kießling

      Antwort

  2. Marlene Hofmann
    Mrz 02, 2017 @ 09:35:53

    Sehr geehrte Frau Schmerbach, sehr geehrte Frau Kießling,
    vielen Dank für die Anmerkung. Meine Ausführungen stützen sich auf die Recherchen von Gustav Wolf, der für das Buch „Rittergüter im Altenburger Land und ihre Gärten“ des Museums Burg Posterstein sehr viele Details über die einzelnen Güter recherchiert hat. Ich habe Herrn Wolf jetzt Ihre Einwände weitergeleitet und werde dann Bescheid geben, was er dazu sagt. Wenn wir neue Informationen ergänzen können, ist das ja auch ein schönes Ergebnis des Blogposts.
    Herzliche Grüße von Burg Posterstein,
    Marlene Hofmann

    Antwort

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