Auf jedem Beamtenschreibtisch

vor 100 Jahren starb Robert Graf Hue de Grais

Ein Beitrag von Robert von Lucius

Porträt Robert Graf Hue de Grais

Es gibt nur wenige Juristen, deren Namen zum Markenzeichen wurden, und das über ein halbes Jahrhundert hinweg. Zu ihnen zählt der Verwaltungsjurist Robert Graf Hue de Grais (1835 – 1922), dessen Werk auf dem Schreibtisch jedes gehobenen preußischen Beamten von Königsberg über Aachen bis Erfurt stand. Vor hundert Jahren, am 25. Februar 1922, starb er in Wolkramshausen bei Nordhausen.

Sein Hauptwerk, das „Handbuch der Verfassung und Verwaltung in Preußen und dem Deutschen Reich“, erschien in 25 Auflagen von 1881 bis 1930. Es war eher eine praktische Handreichung, zu der man in Zweifelsfällen griff, denn ein wissenschaftliches Werk. Der Nachfahre von Normannen hatte eine gediegene Laufbahn hinter sich, die ihm Einblick gab in alle Ebenen der Verwaltung: Er war nach Stationen in Minden und Koblenz Kreishauptmann in Hildesheim, Polizeipräsident in Stettin, Vortragender Rat im preußischen Innenministerium in Berlin sowie elf Jahre lang Regierungspräsident in Potsdam. Vor allem in diesen Jahren, 1889 bis 1900, war er natürlich nahe an der Regierung und Entscheidungen. Parallel dazu war er zeitweise für die Freikonservative Partei Abgeordneter, auch im Preußischen Abgeordnetenhaus.

Hue de Grais trug nicht nur in seinen Berliner Jahren Wesentliches bei zum Aufbau preußischer Verwaltungsbehörden und deren Organisation und Schlagkraft. Er wirkte mit an der Ausarbeitung von Gesetzen Preußens und des Deutschen Reiches. Er schlug eine dezentralisierte Verwaltung vor und eigenständige und flexible Entscheidungen im Rahmen der Gesetze. Daneben war er mit einem immensen Fleiß Autor nicht nur des Handbuchs, sondern Verfasser oder Herausgeber vieler weiterer Publikationen. Dazu zählten Vorschläge „Zur Vereinfachung der preußischen Verwaltung“ (Hannover 1869) und zur „Reorganisation der inneren Verwaltung Preußens auf Grundlage der Selbstverwaltung“ (1871) bis zu einer Übersicht der in der Landdrostei Hildesheim gültigen Gesetze und Verordnungen (1877). Schließlich verfasste der arbeitswütige Graf zwei der fast 40 Bände – allein sie jeweils um die 600 Seiten dick – des „Handbuch der Gesetzgebung in Preussen und dem Deutschen Reiche“: die Grundlagenbände zu „Staatsverfassung und Staatsbehörden“ sowie zu „Das Deutsche Reich. Auswärtige Angelegenheiten. Heer und Kriegsflotte“. Zudem kümmerte er sich unablässig um die Ausbildung Jüngerer, darunter auch Frauen. So unterrichtete er in der „Vereinigung für staatsbürgerliche Bildung und Erziehung“ und verfasste eine „Staatsbürgerkunde“.

Leben zwischen Thüringen und Berlin

Robert Graf Hue de Grais lebte im Sommer auf seinem Rittergut in Wolkramshausen, das heute bekannt ist unter dem Namen „Schloss Hue de Grais“, und ansonsten in Berlin, lange am Königsplatz direkt neben dem Reichstag. Er galt als bescheiden und als rundum gebildet – von der Pflanzenkunde über die Kunstgeschichte bis zur klassischen Literatur interessierte ihn fast alles. In Wolkramshausen, heute wegen seiner Innenausstattung eines von 500 „Denkmalen besonderer nationaler kultureller Bedeutung“ in Deutschland, war er bis zuletzt körperlich im Park tätig – auch an seinem letzten Lebenstag, wie ein Zeitungsnachruf schreibt. Das Haus Hue de Grais ist auf wundersame Weise weitgehend in alter Form erhalten geblieben. Der Ort liegt zwischen Hainleite und Südharz auf altem (thüringisch-)preußischen Gebiet wenige Kilometer entfernt von der Grenze zum Fürstentum Sondershausen.

Colorierter Druck und zeitgenössisches Foto vom Anwesen in Wolkramshausen. Fotos: Sammlung Robert von Lucius

Über die Rechtsgeschichte hinaus bedeutsam

Erhalten blieb auch das Familienarchiv (das der Verfasser dieser Zeilen, Urenkel seines Vornamengebers, hüten darf) mit Briefen und Urkunden seit 1400. 2021 gingen – neben anderen Beständen etwa zur Region, zu Gerichtsprozessen und zur Landwirtschaft – mehrere Kartons mit Vorarbeiten zu seinem Handbuch als Dauerleihgabe an das Thüringer Staatsarchiv in Gotha. Aus ihnen ist seine Arbeitsweise ersichtlich: viele Ausrisse aus Gesetzblättern und anderen Veröffentlichungen, an deren Rand Hue de Grais Anmerkungen schrieb, die dann in die nächste Auflage seines Handbuchs einflossen. Zudem viele handschriftliche Notizen, etwa die Liste samt Namen der Amtsinhaber über die Zeit hinweg von Landkreisen und Regierungspräsidien etwa in Ostpreußen. Die Bedeutung des Archivs geht weit über die Grenzen der Juristerei hinweg. Ein Beispiel: Im Handbuch und den Notizen zeigte sich, dass das dort – knapp und konzis wie fast alles – aufgezeichnete Kolonialrecht des Deutschen Reichs in manchem weitsichtig war, etwa beim Naturschutz. 1900 verfügte eine im Gesetzblatt abgedruckte Verordnung, dass jeder, der illegal in den Schutzgebieten wie Kamerun Wald abholze, verpflichtet sei, ihn wiederaufzuforsten; alternativ übernehme der Staat das und ziehe die Kosten beim Missetäter ein. Eine Verwaltung, die sich in den Kaiserjahren stark ausdehnte, war dringend angewiesen auf solide Information über das geltende Recht, und diese bot „der Hue de Grais“. Der unlängst verstorbene große Rechtshistoriker Michael Stolleis würdigte Hue de Grais in seiner monumentalen „Geschichte des öffentlichen Rechts in Deutschland“. Sein Handbuch sei präsent in „jeder preußischen Amtsstube“, sei solide und zuverlässig, diene dem Praktiker ebenso wie dem Studenten und sei so „für eine ganze Verwaltungsbeamten-Generation maßgebend“.

Einflüsse bis Japan

Das Handbuch, 1890 auf Japanisch unter dem Titel „Dokubotsu Seiten“ übersetzt, beeinflusste offenbar den Verwaltungsaufbau in Japan. Japan hatte sich für den Aufbau des neuen Staates seit der Meiji-Restauration 1868 Preußen-Deutschland als Vorbild im Verfassungs-, Rechts- und Bildungswesen erkoren. Irmgard Frfr. Lucius von Ballhausen war dabei, als eine Deputation japanischer Juristen nach Potsdam kam und ihrem Vater sein Lebenswerk ins Japanische übersetzt überreichte samt einem hohen japanischen Orden mit „breitem roten Band über der Brust zu tragen in einem entzückenden japanischen Lackkästchen“ – den Orden der aufgehenden Sonne. Noch 2003 wurde das Werk von „Hyū de Gurē gencho“ in Tokio wieder verlegt.

historische Darstellung des Rittergutes in Wolkramshausen
Foto: Sammlung Robert von Lucius

Ehrungen gab es nicht nur in der Ferne und in Berlin, sondern auch in der thüringischen Heimat. Seine Büste steht im alten Rathaus Wolkramshausens. Nebenan, bei einem Festakt in der Kirche der Kleinstadt Wolkramshausen zum Gedenken an den Rechtsgelehrten, würdigte Stolleis ihn, der dem „sparsamen, rechtlichen, gut verwalteten und bescheidenen Preußen“ diente. Der Jenenser Professor Gerhard Lingelbach verfasste ein Heft und einen Buchbeitrag über dessen Leben und Wirken. Die Praxisnähe habe „seinen nachhaltigen Ruhm“ gesichert, so sei er „bei allen deutschen Juristen und Verwaltungsbeamten anerkannt“. Der Festsaal in der Polizeidirektion Nordhausen wurde „Hue de Grais-Saal“ genannt. Etwa zur gleichen Zeit, in den frühen Neunzigern, planten der Landkreis und der Förderverein Hue de Grais zeitweise ein nach ihm benanntes Museum für Rechtsgeschichte in Wolkramshausen – Robert Graf Hue de Grais war schließlich der weit über die Kreisgrenzen hinweg bekannteste Bürger des Orts, in dem er geboren und beigesetzt wurde.

Robert von Lucius war langjähriger Korrespondent der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, zuletzt in Hannover, und lebt jetzt in Berlin. Er ist Autor mehrerer Bücher und Mitglied der Gesellschaft Kulturerbe Thüringen e. V. In seiner unlängst erschienen Autobiographie „Spuren des Schreibens“ (Wolff Verlag, Berlin/Breitungen), sind auch seine Thüringer Bande erwähnt.

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