Durs Grünbein zu Gast in Breitungen

Durs Grünbein las im Rußwurmschen Herrenhaus.

Von Caroline Will.

Ein Frühlingsabend fern der Autobahnen: Das kleine Rittergut steht in Breitungen an der Werra, das eben nicht Berlin oder Rom ist, wo Durs Grünbein üblicherweise liest. Man muss viele, viele Serpentinen durch den Thüringer Wald fahren, um sich in der Eingangshalle mit Kamin, Steinboden und rustikalem Fachwerk wiederzufinden. Das Feuer brennt schon, als ich eintrete. Matthias Weichelt, Chefredakteur von „Sinn und Form“ und Grünbeins heutiger Gesprächspartner, rückt sich vor der Wärme zurecht. Trotz seines mondänen dichterischen Formats kommt Grünbein einfach in den Raum und setzt sich. Es ist kein Auftritt, niemand kündigt Grünbein an, das Luftanhalten ist minimal. Er gehört bereits dazu, trägt seine Ledertasche über der Schulter, Sonnenbrille. Und doch weist Verleger Robert Eberhardt, Vorsitzender der Gesellschaft Kulturerbe Thüringen e.V. und Gastgeber des Abends, in seiner Einleitung darauf hin, dass hier ein nobler und nobelpreiswürdiger Dichter Platz genommen hat. Hier auf dem Land rechne man in anderen Zeiteinheiten: Jean Paul war im Ort, Goethe, Seume, andere reisten hindurch, zuvor mittelalterliche Gelehrte in den einstigen Klöstern des Ortes, doch dann gebe es stets „epochale Pausen“.

Man ist in Breitungen, nicht in Berlin. Die behagliche Atmosphäre des Dorfs und des Herrenhauses strahlt auch auf das Zwischenmenschlichen aus. In der Tat: wenn man später bei Thüringer Bratwurst und Kartoffelsalat zusammensitzt, mutet das Ganze mehr nach Bauernstube aus einer anderen Zeit an statt nach hehrer Dichterlesung. Signiert wurde auch, manchen Leuten gar der gesamte Grünbein-Regalmeter, aber keine Schlange schiebt sich herzklopfend zum Dichter, sondern Grünbein packt seine Buntstifte zwischen zwei Bratwürsten noch einmal aus. Die Buntstifte habe er von seiner Tochter. Sie motivieren ihn zum Signieren. Der „Signaturschrank“ des Herrenhauses ist nun um einige wertvolle Signierausgaben reicher.

Ich bin im verdammt-noch-mal-ältesten Haus Breitungens, ein Anwesen, 1138 erstmals urkundlich erwähnt, Eichenbalken aus Luthers Lebenszeit, uralter Grund. Im Keller zeigt man mir später die Hauskapelle. In diesem Setting treffe ich einen Dichter, der mir wichtig ist. Nicht nur für meine Dissertation an der Uni Jena, sondern auch weil mir seine Lyrik wirklich gut gefällt. Die Lederjacke macht ihn ein bisschen hip und ein bisschen intellektuell. Ich grinse viel heute Abend. Grünbein sinniert zu Beginn, dass er sich freut, im Thüringer Wald zu sein. Er habe als Kind in der Nähe oft Verwandte besucht, die seien aber schon lange tot. Doch er habe noch einen alten Berliner Bekannten, der jetzt hier wohnt, in Breitungen! (Mit ihm wird er später davonrauschen, um in einem Wiesen-Restaurant auf einem Gehöft am Waldrand noch eine Flasche Was-auch-immer zu organisieren.)

Jetzt wird gelesen. Der erste Text handelt von einer Autobahnfahrt von Berlin nach Dresden in den späten 80ern, ein Schauspieler nimmt den Protagonisten in seinem Automobil mit. Es gibt einen Stau. Pferde laufen am Rand der Straße entlang. Ihnen folgend kommen die beiden Reisepartner zu einem umgefallenen Anhänger, eines der Pferde noch darin gefangen. Später im Gespräch über diese Unfallepisode kommentiert Matthias Weichelt: „Hierin findet sich das Schicksal der DDR ja schon in einer Nussschale zusammengefasst.“ 

Durs Grünbein liest dann aus seiner jüngsten Erscheinung „Aus der Traum (Kartei)“ (2019). Er liest Gedichte, die von Dauer und Vergehen, von Nationen und natürlich von Träumen handeln. Er liest Reflexionen über Lyrik. Oft tauchen Figuren des 20. Jahrhunderts auf. Anschließend kommentiert Grünbein im Gespräch „die unfassbare Gleichzeitigkeit aller Dinge“. Das Gedicht aber sei ein „Punktum“ in der Zeit. 

Grünbein liest schließlich eine Parabel auf seine Geburtsstadt Dresden vor, die noch unveröffentlicht ist, eine Reaktion auf die turbulente Lesung mit Uwe Tellkamp im März 2018 und den heftigen Streit über die „Migrationsfrage“. Sachsen, Dresden, der Unwille der Bevölkerung – man hat den Eindruck, dies sei eine Konstante, ungeachtet, um was es eigentlich geht, Wiederholungen der Peripherie. 

Nach einer so belebenden Lesung freut sich das Publikum umso mehr auf das deftige Mahl im Nebenraum. Ich bin überwältigt von der Gastfreundlichkeit der Gesellschaft Kulturerbe und von der früheren Gesindestube. Man muss nicht weit gehen, um das Gespräch mit dem Dichter im persönlichen Rahmen fortzusetzen. Eine Flasche Wein folgt der nächsten. Man führt Gespräche über Rom, die alten Linien über die Alpen. Die Gastfreundlichkeit der jungen Akteure des Kulturerbe-Vereins bietet den perfekten Rahmen, um sich mit Dichter, Chefredakteur und Mitpublikum auszutauschen. Was für ein wunderbarer Abend, was für ein wunderbarer Ort!


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