Neues über die Weimarer Republik und was wir daraus lernen können

Forscher der Universität Jena veröffentlichen erste Forschungsergebnisse

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Wenn wir an Weimar denken, fallen uns nicht nur kulturelle Größen der Klassik ein wie Goethe und Schiller und nicht nur die revolutionären Errungenschaften des Bauhaus. Wenn wir an Weimar denken, müssen wir auch an die dunklen Seiten der deutschen Geschichte erinnern, an das Konzentrationslager Buchenwald und an die unrühmliche Rolle der Weimarer Republik zwischen 1919 und 1933. Unrühmlich? Dieses Bild haben Forscher der Friedrich-Schiller-Universität Jena genauer unter die Lupe genommen und jetzt erste Ergebnisse vorgelegt.

Das Image der Weimarer Republik ist schlecht. Sie gilt als als Prolog zum Nationalsozialismus und wird darum sehr oft nur aus dieser Perspektive betrachtet und gelehrt. Die Bedeutung der Weimarer Republik als Erinnerungsort der Demokratie wurde von der Öffentlichkeit bislang kaum zur Kenntnis genommen. Lange Zeit herrschte die Meinung, ihr politisches Gerüst sei nicht stabil genug gewesen, um die junge Demokratie zu tragen.

„Weimar als Herausforderung“

Inzwischen hat das Thema der Weimarer Republik eine fast mahnende Aktualität gewonnen. Das Aufkommen des Rechtspopulismus in Europa, das Unterhöhlen demokratischer Institutionen und nicht zuletzt der Ausgang der Präsidentschaftswahl in den USA stellen Politik, Medien, Wissenschaft und Bürger vor nicht erwartete Herausforderungen. Da ist es mehr als angebracht, einen Blick in die Geschichte zu werfen und sich kritisch mit der Weimarer Republik auseinanderzusetzen.

Das tun Politikwissenschaftler der Friedrich-Schiller-Universität Jena. Sie untersuchen die erste parlamentarische Demokratie in Deutschland näher und wollen so manches schiefe Bild in der Öffentlichkeit geraderücken. Dafür wurde im August 2016 die Forschungsstelle Weimarer Republik eingerichtet. Sie betreibt in den nächsten Jahren eigene Forschung zur Weimarer Republik und vernetzt auf einer Plattform die deutsche und internationale Weimar-Forschung. Mit dem ersten Band der Schriftenreihe „Weimarer Schriften zur Republik“ liegen bereits erste Ergebnisse vor. „Weimar als Herausforderung“ lautet der Titel des Buches. Darin sind Beiträge versammelt, die überwiegend auf einer Tagung im November 2015 in Berlin gehalten wurden. Fachleute aus Wissenschaft und Praxis – darunter Bundesjustizminister Heiko Maas – nähern sich in dem Sammelband den ersten knapp 14 demokratischen Jahren in Deutschland. Im Mittelpunkt stehen nicht nur historische Analysen, sondern auch Fragen, wie man das Thema im Bereich der politischen Bildung neu aufgreifen kann – vor allem im Hinblick auf das anstehende Jubiläum in zwei Jahren.

Eine moderne Demokratie und großer Gestaltungswillen

„Die Weimarer Republik galt lange Zeit als fehlerhaftes Konstrukt, das von Anfang an zum Scheitern verurteilt gewesen sei“, sagt Andreas Braune, der den Band gemeinsam mit seinem Kollegen Michael Dreyer herausgegeben hat. „Wir schauen nun genauer hin und zeigen auf, dass das so nicht stimmt.“ Vielmehr sei sie eine sehr moderne und wehrhafte Demokratie gewesen, die durchaus einige Verteidigungsmechanismen parat hatte, etwa mit den Instrumenten des „Gesetzes zum Schutz der Republik“. Fortschrittliche Entwicklungen, beispielsweise das Frauenwahlrecht, und arbeitsrechtliche Neuerungen, wie das Betriebsrätegesetz, zeigten den großen Gestaltungswillen der damaligen Politik. „Auch die Tradition des Parlamentarismus war weit stärker gefestigt, als man das heute unterstellt“, erklärt Braune. „Denn schon im Kaiserreich war der Reichstag eine wichtige politische Institution und ein modernes Parlament, dem aber noch wichtige demokratische Befugnisse fehlten, die es mit der Weimarer Verfassung erhalten hat.“

Andreas Braune

Dr. Andreas Braune, Wissenschaftlicher Mitarbeiter,Lehrstuhl für Politische Theorie und Ideengeschichte, Institut für Politikwissenschaft, Forschungsstelle Weimarer Republik an der Friedrich-Schiller-Universität, aufgenommen in Jena am 15.02.2017. Foto: Anne Günther/FSU

 

 

Damals wie heute: Auf den Wert der Demokratie kommt es an

Doch warum ist die Weimarer Republik trotz aller Wehrhaftigkeit schließlich doch gescheitert? „Die Demokratie wurde hier bewusst ausgehöhlt und zerstört, da ein nicht geringer Teil der politischen und ökonomischen Eliten bewusst gegen sie gearbeitet hat“, stellt der Jenaer Experte fest. „Einerseits spielen da sicher Machtinteressen eine große Rolle, andererseits waren viele Funktionsträger noch immer dem alten Kaiserreich verhaftet.“ Zu Zudem darf nicht übersehen werden, dass das Modell der Weimarer Republik für die Bevölkerung nicht alternativlos war. Es existierten etwa mit dem Kommunismus in der Sowjetunion und dem Faschismus in Italien konkrete antidemokratische Strömungen.

Dementsprechend fässt Braune zusammen: „Grundsätzlich kann man am Beispiel der Weimarer Republik sehr gut erkennen, dass jede Regierungsform dieser Art in Gefahr gerät, wenn der Grundkonsens über den Wert der Demokratie verloren geht und kein Vertrauen mehr darin herrscht, dass auf diese Art und Weise politische Probleme gelöst werden können.“ Und im Hinblick auf die aktuellen politischen Entwicklungen weltweit ergänzt der Politikwissenschaftler: „Wir waren uns immer bewusst, dass die Weimarer Republik ein sehr aktuelles Thema ist, aber dass es so aktuell ist, das haben wir auch nicht gedacht.“ Er sei erschrocken darüber, damals verbreitete Schlagwörter wie „Systempresse“ so allgegenwärtig wieder vernehmen zu müssen. Im Gegensatz zu damals stehen die politischen Eliten Deutschlands heute allerdings auf einem strikt demokratischen Boden und sind überzeugt von unserer Verfassung. Ein genauer Blick auf den lebendigen Erinnerungsort Weimar sei derzeit aber umso wichtiger – auch, um gegenwärtigen Krisen begegnen zu können.

Michael Dreyer und Andreas Braune (Hg.): Weimar als Herausforderung. Die Weimarer Republik und die Demokratie im 21. Jahrhundert, Weimarer Schriften zur Republik, Franz Steiner Verlag, Stuttgart 2016, 301 Seiten, Preis: 44 Euro, ISBN 978-3-515-11591-9

Weitere Informationen:

Dr. Andreas Braune
Institut für Politikwissenschaft der Universität Jena
Carl-Zeiß-Straße 3, 07743 Jena
andreas.braune@uni-jena.de

Dem Beitrag zugrundeliegende Pressemitteilung der FSU Jena: https://idw-online.de/de/news668223

Bearbeiterin: Stefanie Kießling, Lektorin und Koordinatorin, Vorstandsmitglied der Gesellschaft Kulturerbe Thüringen e.V.

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