„Mäi senn noch doa, denn mäi honns en Bloot!“

Zur Mundart im Landkreis Schmalkalden-Meiningen

von Dr. Christel Siegmund

Mitarbeiter der Mundartgruppe zur Ausstellung im Schlossmuseum Meiningen (2011). Foto: Christel Siegmund

Mitarbeiter der Mundartgruppe zur Ausstellung im Schlossmuseum Meiningen (2011). Foto: Christel Siegmund

Der Heimatbund des Kreises Schmalkalden-Meiningen fühlt sich verpflichtet, die Heimatverbundenheit der Bürger zu stärken und durch Traditionspflege zur Bewahrung des Brauchtums beizutragen. In unserem Kreis gibt es in zahlreichen Orten viele Aktivitäten, die sich mit der Mundart ihres Ortes beschäftigen, um das lebendige sprachliche Denkmal weiter zu erhalten. Wir wollen die Freunde der Mundart im Kreis beim Verwirklichen dieser historisch wertvollen Aufgabe unterstützen.

Unter Schirmherrschaft des Kreisheimatbundes wurde 2011 in Wernshausen die Arbeitsgruppe „Mundart des Kreises Schmalkalden-Meiningen“ gegründet. Wir haben zurzeit folgende aktive Mitglieder: Rita Fulsche (Neubrunn), Renate Schreyl (Altersbach), Marie-Luise Röder (Steinbach-Hallenberg), Roswitha Keßler (Herpf), Anita Rußwurm (Rentwertshausen) und Dr. Christel Siegmund (Wernshausen). Ich leite diese Arbeitsgruppe und bin froh, dass ich mich auf die Zuarbeit und Mitwirkung dieser Frauen stützen kann, vor allem, wenn es darum geht, zu den Kreisheimattagen alle über die Aktivitäten auf dem Gebiet der Mundart im Kreis zu informieren. Es finden jährlich Beratungen statt, auf denen wir uns intensiv über die Aktivitäten, Ergebnisse und Probleme austauschen. Außerdem stehen die Mitglieder und andere in einem ständigen schriftlichen und mündlichen Kontakt.

Boas homme scho geschafft?
(Was haben wir bisher erreicht?)

Wir geben jährlich auf dem Kreisheimattag, dank der Zuarbeit der Arbeitsgruppenmitglieder und anderer Informanten, einen ausführlichen Bericht über die Mundartarbeit im Kreis, sodass wir einen guten Überblick über diese Art der Brauchtumspflege im Kreis haben.
Unsere Liste der Ansprechpartner auf dem Gebiet der Mundart in den einzelnen Orten wird immer länger, je mehr Kontakte wir durch Veranstaltungen und persönliche Gespräche knüpfen. Dadurch entsteht der Eindruck, dass in der letzten Zeit das Engagement zur Bewahrung der Mundart als Teil der Traditionspflege durch Vereine, Gruppen und einzelne Personen nicht gesunken, sondern gewachsen ist und die Mundartpflege als Beitrag zur Bereicherung des öffentlichen Lebens bewusst einbezogen und gestaltet wird. Das zeigt sich u.a. an der Konstituierung und dem regelmäßigen Wirken von Mundart-Arbeitsgruppen in Viernau, Zella-Mehlis, Walldorf, Wasungen, Reichenbach und anderen Orten, die bereits mundartliche Ausarbeitungen vorweisen können. Besonders erfreulich ist dabei, dass sich die Mitglieder der Arbeitsgruppe bei Veranstaltungen gegenseitig unterstützen.

Mundartnachmittag in Wernshausen (2014).

Mundartnachmittag in Wernshausen (2014). Foto: Christel Siegmund

Jährlich gibt es öffentliche Mundartveranstaltungen, die mit viel Mühe vorbereitet werden und sich großer Beliebtheit erfreuen (z.B. in Viernau, Breitungen, Steinbach-Hallenberg und Wernshausen). Mitglieder der Arbeitsgruppe sind oft federführend oder wirken aktiv mit. Besonderer Beliebtheit erfreuen sich auch Mundartlesungen, z.B. zu Gedichten von Paul Motz (Dreißigacker) oder Wolfgang Eppler.
Es gibt eine überwältigende Fülle von Geschichten, Gedichten, Anekdoten und Liedern, die von den Mitgliedern der Arbeitsgruppe und weiteren Mundartinteressierten im Laufe der Zeit gesammelt wurden. Diese zusammenzufassen ist kaum möglich, auch nicht zweckmäßig, da ja der Dialekt in den meisten Orten sehr unterschiedlich ist.
Es ist eine gute Gepflogenheit, dass in öffentlichen Veranstaltungen, Trachtenfesten, Jubiläen, Festprogrammen und -schriften zunehmend Mundartbeiträge einen festen Platz haben und auf diese Weise die Sprache unserer Vorfahren gewürdigt wird. Immer mehr gewinnen dabei auch die mundartlichen Ausdrücke und Redewendungen wieder an Aufmerksamkeit. Zahlreiche kompetente Mundartsprecher tragen so dazu bei, die Mundart als wertvolles Kulturgut und Teil der Heimatliebe bei Alt und Jung zu verbreiten und zu bewahren.
Besonders hervorzuheben ist, dass Mitglieder unserer Arbeitsgruppe, z.B. Rita Fulsche, zu wichtigen Mundartveranstaltungen (wie in Fladungen) als Referenten eingeladen werden.
Zu Beginn unseres Wirkens in der Arbeitsgruppe haben wir gemeinsame Positionen zur Mundart sowie Festlegungen zur Arbeitsweise erstellt, die unser nachfolgendes Wirken wesentlich bestimmt haben. Es war auch notwendig, sich mit wissenschaftlichen Grundlagen zur Mundart zu beschäftigen, wie Dialektologie, sprachliche Unterschiede Mundart/Hochdeutsch, Sprachbereiche/Dialekträume in Südthüringen u.a. Eine enge Verbindung wurde zur Friedrich-Schiller-Universität Jena, insbesondere Frau Dr. Wiegand (frühere Arbeitsstelle Thüringisches Wörterbuch), Frau Dr. Kozianka und Dr. Bock (Lehrstuhl für Indogermanistik) geknüpft. Besonders wichtig waren die Hinweise von Frau Dr. Wiegand zur Schreibweise von Mundarttexten, die bei der Ausarbeitung des Buches „Wernshäuser Mundart. Regeln – Wortschatz – Sprüche – Bilder“ sowie in den Heften „Wernshäuser Heimatblätter“ (bisher 21 Hefte erschienen) konsequent umgesetzt wurden. Außerdem haben wir aktiv die Ausstellung „Thüringer Dialekt“ der Universität Jena (2011) mit Textbeiträgen und Literatur unterstützt.

Boaröm schwellt ons dr Kamb?
(Warum schwillt uns der Kamm? Worauf können wir besonders stolz sein?)

Die Arbeitsgruppe hat eine relativ vollständige Übersicht über die im Kreis vorhandene Literatur zur Mundart in Bibliotheksbeständen und als Eigentum von Einzelpersonen erarbeitet, die immer wieder auf den neuesten Stand gebracht wird. (Diese schriftliche Literaturzusammenstellung befindet sich bei mir und kann von Interessenten jederzeit abgerufen werden).
Im Ergebnis der Literaturrecherchen und -sammlungen sowie intensiver persönlicher Kontakte ist eine „Ehrentafel“ kompetenter (bereits verstorbener und noch lebender) Mundartspezialisten aus dem Kreis Schmalkalden/Meiningen entstanden. Dazu gehören unter anderem: Georg Friedrich Stertzing, Paul Motz, Prof. Dr. Manfred Hoffmann, Dr. Heinrich Weldner, Marie Bühner, Wolfgang Eppler, Helmut Kirchner, Gisela Schill, Ellen Kummer, Hans-Joachim Heusing.
Anlässlich des Internationalen Tags des Museums am 18.05.2014 unter dem Motto „Sammeln verbindet“ hat die Arbeitsgruppe im Meininger Museum eine Ausstellung „Zur regionalen Mundart in Schmalkalden/Meiningen“ ausgestaltet.

Es wurden zahlreiche Bücher, Broschüren und Hefte (115), Gedichtbände, einzelne Ausarbeitungen und Sammlungen sowie 11 CD zur Mundart aus privatem Besitz vorgestellt und interessante Gespräche mit Besuchern geführt. Es sind Überlegungen im Gange, die umfangreiche Mundartbibliothek von Dr. Christel Siegmund öffentlich zugänglich zu machen.

Ferner wurden eigene Vorträge zur Mundart gehalten, wie:

• Die Mundartgruppe Wernshausen – Ergebnisse der Tätigkeit
• Jüdisches Sprachgut in der Barchfelder Mundart
• Die Pflege des Brauchtums, insbesondere der regionalen Mundart, als Beitrag zum Zusammenwirken der Generationen im Dorf.

Aus der Zusammenarbeit in der Arbeitsgruppe heraus ergab sich die Idee, in einer Mundartwerkstatt intensiver an poetischen Ausarbeitungen der Mitglieder zu feilen – unter Betreuung durch Dr. Andras Seifert vom Literaturmuseum Meiningen. Im Ergebnis fanden bisher im Baumbachhaus zwei Veranstaltungen zum Thema „Hautnah“ statt.

Bo dröckt ons vor allem dr Schook?
(Wo drückt uns vor allem der Schuh? Wo haben wir Probleme?)

In manchen Arbeitsgruppen wird es immer schwieriger, die Arbeit an und mit der Mundart im gewohnten Umfang fortzusetzen, weil viele Mitstreiter nicht mehr voll einsatzfähig sind und sich aus der aktiven Mitwirkung zurückziehen. Wenn wir ohne Emotionen die Situation zur Mundart im Kreis kritisch betrachten, dann ist nicht zu verschweigen, dass es größtenteils nur Einzelinitiativen und -aktivitäten von engagierten Mundartenthusiasten und -spezialisten sind, die mit einer kleinen Interessentengruppe oder sogar als Einzelkämpfer die Mundartarbeit durchführen. In den Gruppen wirken vor allem ältere Bürger mit, die aber oft wegen hohem Alter oder Krankheit ausfallen. Deshalb ist das Gewinnen und Einbeziehen jüngerer Heimatfreunde in die Pflege und Bewahrung der Mundart äußerst wichtig.
Besonders hervorzuheben sind jedoch die Bemühungen von einzelnen Vereinen im gesamten Landkreis, die regelmäßig Großveranstaltungen in Mundart sowie Mundartnachmittage im kleineren Kreise durchführen – mit traditionell ausgerichteten Themen zu Brauchtum und Sitten. Außerdem werden zum Karneval, Backhausfest, zur Kirmes und anderen Volksfesten sehr oft einzelne Beiträge in Mundart dargeboten.
Wir sollten die Bestrebungen der Arbeitsgruppe, die Aktivitäten zur Mundart von Vereinen und Einzelpersonen zu fördern, weiterführen und uns wie bisher in der Mundartarbeit gegenseitig unterstützen.

Was sind zukünftige Projekte?

Rita Fulsche, Brita Wolfram, Almut Rohheiss, Dr. Christel Siegmund und zahlreiche Vereine bemühen sich mit Ideenreichtum und Engagement, auch Kinder und Jugendliche an Mundart heranzuführen. Es geht nicht darum, dass sie die Mundart wie eine Fremdsprache erlernen, um sie im alltäglichen Leben anzuwenden; es geht eher darum, Gegenstände und Tätigkeiten vergangener Zeiten an Beispielen kennenzulernen, historische Bezüge herzustellen sowie die Sprache und Bräuche unserer Vorfahren zu achten und, soweit es uns heute möglich ist, zu bewahren. Das können wir nicht durch traditionellen „Fremdsprachenunterricht in Mundart“ erreichen, sondern nur durch anschauliche, lebendige

Die Kindergruppe

Die Kindergruppe „Mundart“ der Grundschule Wernshausen. Foto: Christel Siegmund

Arbeit mit den Kindern und Jugendlichen, kindgerechte Formen und Methoden, durch Kontakte zu älteren, Mundart sprechenden Personen, z.B. bei Seniorentreffen, Mundartnachmittagen, in Alters- und Pflegeheimen.
Wir müssen auch für die Kinder Erfolgserlebnisse schaffen, kleine Auftritte ermöglichen, bildliche Darstellungen ihrer Ergebnisse oder Kurzfilme über ihr Wirken in die Öffentlichkeit bringen.
Es ist eine Veröffentlichung „Mundart mit Kindern und Jugendlichen“ geplant, in der die bisherigen Erfahrungen auf diesem Gebiet dargelegt, Ergebnisse vorgestellt und Probleme aufgezeigt werden. Vor allem sollen jedoch Hinweise und Ratschläge zur methodisch-organisatorischen Gestaltung gegeben werden.

Zum Weiterlesen:

Christel Siegmund (Hg.) et al.: Wernshäuser Mundart. Regeln – Wortschatz – Sprüche – Bilder. Wasungen 2008, 260 S.

Arbeitsgruppe Mundart Wernshausen (Leitung: Christel Siegmund): Blätter zur Wernshäuser Mundart (Hefte 1 bis 13, bis 2008); Wernshäuser Heimatblätter ( Hefte 14 bis 21, seit 2009), je 30 – 40 S.

Arbeitsgruppe Mundart des Kreises Schmalkalden/Meiningen (Leitung: Christel Siegmund): Mundartliteratur im Kreis Schmalkalden/Meiningen, 2015, 23 S. (unveröffentlicht).

Christel Siegmund: Die Pflege des Brauchtums, insbesondere der regionalen Mundart, als Beitrag zum Zusammenwirken der Generationen im Dorf. Vortrag 2011, 4 S. (unveröffentlicht).

Zur Autorin: Dr. habil. Christel Siegmund (geboren 1941 in Wernshausen), ist Mitglied der Gesellschaft Kulturerbe Thüringen e.V. Sie studierte Landwirtschaft und Pädagogik in Leipzig und befasst sich seit 2000 intensiv mit der (Wernshäuser) Mundart.

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