Leerer Sockel

200 Jahre Großherzogtum Sachsen-Weimar-Eisenach

von Robert von Lucius

Leerer Sockel: Carl-Alexander-Denkmal am Goetheplatz. Foto: Vitold Muratov (CC-Lizenz Wikimedia)

Leerer Sockel: Carl-Alexander-Denkmal am Goetheplatz. Foto: Vitold Muratov (CC-Lizenz Wikimedia)

Die Anregungen, die das deutsche und europäische Kulturerbe Thüringen und vor allem Weimar zu verdanken haben, sind offenkundig. Weniger geläufig sind die Impulse, die von Weimar ausgingen auf Demokratie und Bürgergesellschaft. Sie standen im Mittelpunkt der Feiern zur Erhebung zum Großherzogtum Sachsen-Weimar-Eisenach vor 200 Jahren beim Wiener Kongress.  Dazu luden der Chef des Hauses, Michael-Benedikt Prinz von Sachsen-Weimar-Eisenach; Christian Carius als Präsident des Thüringer Landtages; Hellmut Seemann als Präsident der Klassik Stiftung Weimar; sowie Bernhard Post, Direktor des Thüringischen Hauptstaatsarchivs – es liegt natürlich in Weimar nur wenige Schritte entfernt vom Ort des Festaktes, dem Festsaal des Stadtschlosses.

Wappen des Grossherzogtums Sachsen-Weimar-Eisenach

Wappen des Großherzogtums Sachsen-Weimar-Eisenach. Foto: Wikimedia

Der Jenenser Historiker Hans-Werner Hahn wies in seinem Vortrag auf die Anstöße, die Carl August (1757–1828) nach 1815 gab: die 1816 vorgelegte erste liberale-landständische deutsche Verfassung. Sie ermöglichte mit einem modernen Wahlrecht, dass nun auch Bauern und Handwerker im Landtag sitzen konnten. Der neue Großherzog führte Presse- und Meinungsfreiheit ein – nicht zufällig war das Wartburgfest der Urburschenschaft auf seinem Territorium – und eine unabhängige Gerichtsbarkeit. Die Verdoppelung des Landesgebietes und die Erhebung zum Großherzogtum – das einzige Großherzogtum Europas, das es jetzt noch gibt, ist Luxemburg – hatte Weimar dem russischen Zaren Alexander zu verdanken; seine jüngere Schwester Maria Pawlowna war Frau des Erbprinzen Carl Friedrich von Sachsen-Weimar.

Weimar als Ideengeber

Carl August wollte Weimar zu einem „Tempel der Freiheit“ bauen. Nicht alles gelang. Die freiheitlichen Bestrebungen wurden von den großen deutschen Staaten auch mit den Karlsbader Beschlüssen  abgewürgt. Das Bemühen, die thüringischen Kleinstaaten zusammenzufügen, scheiterte am Machtwillen der Duodez-Fürsten. Welche herausgehobene Rolle indes Weimar als Ideengeber im politischen Deutschland hatte, wird belegt in einem just von Hans-Werner Hahn herausgegebenen Werk zu den Thüringischen Staaten 1806 bis 1813. Mit dem neunten und letzten Band der Reihe „Quellen zu den Reformen in den Rheinbundstaaten“ wurde sie damit nach 22 Jahren abgeschlossen. Er belegt die liberal-nationale Reformpolitik Carl Augusts und den eigenständigen Weg politischer Modernisierung im Konsens – aber übertönt vom neoabsolutistischen Weg Preußens und der süd- und westdeutschen Rheinbundstaaten.

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Traditionsveranstaltung vor Beginn des Festakts. Links im Bild: Prinz Michael von Sachsen-Weimar. Foto: Robert von Lucius

Der leere Sockel

Neben den festlichen Tönen gab es Mahnungen. Prinz Michael wies darauf, dass seine Vorfahren, auch die weiblichen wie Maria Pawlowna und Anna Amalia, im Goldenen Zeitalter des Musenhofes immense Anregungen für die Region gaben, großteils aus ihrem privaten Besitz und nicht nur für Literatur und Musik. Dazu zählen die Universität Jena, der Sparkassenverein, das Schulwesen mit der ersten höheren Mädchenschule, die Blinden- und Taubstummen-Anstalt. Das Fürstenhaus verzichtete 2003 in einer Einigung mit dem Freistaat auf die Rückgabe seiner Kunstwerke mit Welterbe-Status und auf das Inventar der Wartburg – die Gegenleistung war gemessen an den Werten nicht nur der Handschriften von Goethe und Schiller eher symbolisch. Für die Großherzöge  gibt es zwar Denkmäler – die aber stehen etwa in Den Haag, nirgends in Weimar. Daran erinnert der leere Sockel auf dem Goethe-Platz mit der Inschrift, die Carl Alexander (1818–1901) ehrt – das Denkmal fehlt. Die Sockelfrage füllt mittlerweile im schwierigen Weimar viele Bände. Diskret-verschmitzt erinnerte daran in seinem Grußwort Landtagspräsident Carius – er begrüßte den Weimarer Oberbürgermeister, er habe ihn indes im Saal nicht gesehen. Prinz Michael kritisierte, die Klassik Stiftung Weimar habe ein riesiges Potential, werde aber vom Bund nicht hinreichend gefördert. So sei sie chronisch unterfinanziert, was ihre Vorhaben wie das Neue Bauhaus-Museum erschwere. Seine Familie habe auf Rückgabeansprüche verzichtet im Austausch von Zusagen der öffentlichen Hand, ihre Verpflichtungen einzulösen.

Zum Weiterlesen
Hans-Werner Hahn (Hg.)/Gerhard Müller (Bearb.): Thüringische Staaten Sachsen-Weimar-Eisenach. 1806–1813 (Quellen zu den Reformen in den Rheinbundstaaten, Bd. 9) Berlin u.a.: De Gruyter Oldenburg 2015, 719 S.

Zum Autor: Robert von Lucius war langjähriger Korrespondent der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, zuletzt in Hannover, und lebt jetzt in Berlin. Er ist Autor mehrerer Bücher und Mitglied der Gesellschaft Kulturerbe Thüringen e.V.

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