KulturFluss – Zur Archäologie des mittleren Saaletals

KulturFluss – Eine Ausstellung über die Archäologie des mittleren Saaletals aus 150 Jahren „Ur- und Frühgeschichtliche Sammlung der Uni Jena“

von Peter Ettel und Florian Schneider

flyer ausstellung kulturflussArchäologie ist die Wissenschaft vom Ausgraben, vom Sichtbarmachen des Verborgenen – eine Wissenschaft, die auch deshalb fasziniert, weil das visuelle Verschwinden der Dinge oft mit ihrem physischen Verfall einhergeht und Archäologen daher gezwungen sind, sich bei der Erforschung weit zurückliegender Zeiten auf wenige Hinweise zu stützen. Archäologie ist aber immer mehr als  Ausgraben: Zu jeder Ausgrabung gehört die Auswertung und zu jeder Auswertung gehören die archäologischen Fundstücke; keines ist ohne das andere denkbar.

Die bronzene Fibel (Gewandspange) aus dem Hortfund der späten Bronzezeit vom Jenzig (© Bereich für Ur- und Frühgeschichtliche Archäologie der FSU Jena).

Die bronzene Fibel (Gewandspange) aus dem Hortfund der späten Bronzezeit vom Jenzig (© Bereich für Ur- und Frühgeschichtliche Archäologie der FSU Jena).

Doch während Ausgrabungen auch bei all jenen starke visuelle Eindrücke hinterlassen können, die der Archäologie allein aufgrund ihres privaten Interesses, aber nicht der beruflichen Tätigkeit verbunden sind, sind die Arbeitsschritte, die auf jede Ausgrabung folgen und deren Auswertung dienen, in der öffentlichen Wahrnehmung kaum bekannt.

Wie funktioniert moderne Forschungen in der Ur- und Frühgeschichtlichen Archäologie? Welche Rolle spielt das „Sammeln“ hierbei? Und: Was sind überhaupt die Quellen der Archäologie? Diese Fragen bilden den Rahmen für die Ausstellung „KulturFluss – Die Archäologie des mittleren Saaletals aus 150 Jahren Ur- und Frühgeschichtliche Sammlung der Uni Jena“ und den dazu erschienenen Ausstellungskatalog „KulturFluss“. Ihr inhaltlicher Kern aber ist durch zwei weitere Aspekte bestimmt: Die Sammlung für Ur- und Frühgeschichtliche Archäologie der Uni Jena und die prähistorische Entwicklung des mittleren Saaletals in und um Jena. 

Die Ausstellung

„Auf dem linken Saaleufer, der alten Camburg gegenüber, hinter der Stadt gleichen Namens, fand man in den ersten Tagen des Mai bei den Erdarbeiten, welche für die Anlage des Bahnhofes der Saale-Eisenbahn vorgenommen wurden, menschliche Skelette. Schon in den Jahren 1869 und 1871 hatte Herr Klopfleisch in Jena an dieser Stelle Ausgrabungen vornehmen lassen und sich dabei überzeugt, dass hier ein sogenannter Heidenfriedhof vorhanden war […]“.

Mit diesen Worten leitete der Kunsthistoriker Friedrich Klopfleisch seinen Bericht für das Correspondenz-Blatt der deutschen Gesellschaft für Anthropologie, Ethnologie und Urgeschichte (1872, 46) ein. Die Funde dieser Grabungen gehören neben anderen zum Grundstock der Sammlung und bilden damit einen Ausgangspunkt der ur- und frühgeschichtlichen Lehrtradition an der Jenaer Universität. Noch heute profitieren die Studierenden von diesen Sammlungsbeständen, die seit 1864 systematisch aufgebaut und stetig durch neuere Ausgrabungen und Erwerbungen erweitert wurden.

Zum 150. Jubiläum dieser Sammlung für Ur- und Frühgeschichtliche Archäologie, sind nun deren Highlights in einer kleinen Ausstellung im Universitätshauptgebäude der Friedrich-Schiller-Universität Jena bis Ende Februar 2015 zu sehen.

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Viele der Sammlungsbestände stammen aus dem Saaletal und der näheren Umgebung von Jena. Daher ist die Ausstellung auch eine Darstellung der ur- und frühgeschichtlichen Entwicklung dieses Raumes. Seit mehreren zehntausend Jahren siedelten Menschen in diesem Naturraum, der in so charakteristischer Weise durch den Verlauf der Saale geprägt ist. Und wie der Fluss für die Menschen der Vor- und Frühgeschichte von zentraler Bedeutung war, so bestimmt er heute noch die Arbeit der Archäologen. Denn die Saale war während der Vor- und Frühgeschichte keine Linie im Gelände, sondern ein in die Fläche reichendes Landschaftselement, das aus Flussbett, Alt-Armen und Auwäldern bestand. Ferner haben Überschwemmungen der Saale im Laufe der Jahrtausende mächtige Sedimentschichten über viele prä- und protohistorische Siedlungsfundstellen und Gräberfelder gedeckt, die sich daher heute oftmals nur schwer entdecken lassen.

Vier Fundplätze

Friedhof, Siedlung, Hort, Burg: Das sind vier Fundkomplexe aus Jena und Umgebung, die das wechselnde Verhältnis zwischen Saale und ihren Anrainern im Laufe der Geschichte zeigen. Anhand der Fundplätze vom Jenzig (ein Hortfundplatz der Bronzezeit), dem Spielberg in Kunitz (ein Gräberfeld der Eisenzeit) sowie den Höhensiedlungen vom Johannisberg in Lobeda (mit Befestigungen aus der Bronzezeit und dem ausklingenden Frühmittelalter) und dem Alten Gleisberg bei Graitschen, die vom Neolithikum bis zur Zeitenwende regelmäßig begangen und besiedelt wurden, soll eine Annäherung an Leben, Sterben und Glauben ur- und frühgeschichtlicher Menschen ermöglicht werden.

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Die Fundplätze stehen gleichzeitig stellvertretend für die drei zentralen Befundgruppen der Ur- und Frühgeschichtlichen Archäologie: Grab, Hort und Siedlung. Ihre Berücksichtigung an zentraler Stelle sei als Hinweis verstanden, dass unsere Kenntnis der archäologischen Vergangenheit sehr dunkel gefärbt wäre, würde man den Auffindungskontext der Funde, den Befund unberücksichtigt lassen.

Das Wechselspiel von Studium und Forschung

Die Vorbereitungen zur Ausstellung waren vielschichtig: Ein erster Schritt war die Arbeit an Beiträgen für das geplante Lexikon zur Stadtgeschichte Jena. Diese wurden 2013 am Bereich für Ur- und Frühgeschichtliche Archäologie der Uni Jena in Zusammenarbeit von Dozenten und Studierenden erstellt (noch unpubliziert). Von mindestens ebenso großer Bedeutung war darüber hinaus eine universitäre Lehrveranstaltung im Wintersemester 2013/14 am Bereich für Ur- und Frühgeschichtliche Archäologie: Die Veranstaltung trug den Titel Materialübung mit Publikation: Zum Umgang mit Sammlungsobjekten der vor- und frühgeschichtlichen Archäologie und wurde von den Autoren sowie der Kunsthistorikerin und Volkskundlerin Dr. Kerrin Klinger geleitet.

Die Übung nahm einen Teil der Bestände der Sammlung für Ur- und Frühgeschichtlichen Archäologie der Universität Jena in den Blick und konnte an die Arbeit der Projektgruppe „Laboratorium der Objekte“ anknüpfen. Dieses von Steffen Siegel (Juniorprofessur für Ästhetik des Wissens an der FSU Jena) geleitete Projekt wird durch die Stiftung Mercator im Rahmen der Initiative „SammLehr – An Objekten lehren und lernen“ seit Frühjahr 2013 gefördert. Mit Unterstützung der Projektgruppe „Laboratorium der Objekte“ konnte die Materialübung auch für Studierende anderer Fachrichtungen geöffnet werden. Dabei galt es anhand der vier Fundplätze in gegenseitigem Austausch bereits Gelerntes anzuwenden und die Ergebnisse kritisch zu überprüfen.

Letztere bilden nun den Kern der Ausstellung „KulturFluss“ und der begleitenden Publikation. Beide zeigen, dass das Saaletal seit jeher ein wichtiger Verkehrs- und Handelsweg und damit auch Kontaktgebiet unterschiedlicher Kulturen war. Die ur- und frühgeschichtliche Sammlung der Universität Jena beherbergt eine Vielzahl nicht nur regionaler Fundstücke, die diese Verbindung eindrucksvoll belegen. In der Auseinandersetzung mit dieser Sammlung wird auf diese Weise auch ein „Kulturfluss“ zwischen den Zeiten möglich.

Die Ausstellung „KulturFluss“ ist noch bis zum 28. Februar im Hauptgebäude der Universität Jena zu sehen. 

Weitere Infos

Homepage der Ausstellung mit Hinweisen zu Öffnungszeiten und Führungen.

Zum Weiterlesen

Ettel/K. Klinger/F. Schneider (Hrsg.), KulturFluss. Materialübung über die Archäologie des mittleren Saaletals aus 150 Jahren Sammlung für Ur- und Frühgeschichte der Friedrich-Schiller-Universität Jena. Laborberichte 2 (Weimar 2014). 160 Seiten, 114 Abb., Preis: 24,00 Euro

Zu den Autoren: Prof. Dr. Peter Ettel ist Leiter des Bereichs für Ur- und Frühgeschichtliche Archäologie der Friedrich-Schiller-Universität Jena; Dr. Florian Schneider arbeitet dort seit 2009 als wissenschaftlicher Assistent.

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