Herder und die Kultur in Thüringen

von Michael Maurer

"Johann Gottfried Herder - Leben und Werk", erschienen im Böhlau Verlag (Public Domain).

„Johann Gottfried Herder – Leben und Werk“, erschienen im Böhlau Verlag (Public Domain).

Der aus Ostpreußen gebürtige Prediger und Schriftsteller Johann Gottfried Herder (1744-1803) verbrachte den größten Teil seines Erwachsenenlebens in Weimar (von 1776 bis zu seinem Tode). Als wahrer Aufklärer legte er größten Wert darauf, nicht nur sein lokales Publikum anzusprechen (von der Kanzel der Stadtkirche St. Peter und Paul, die heute meist ‚Herderkirche‘ genannt wird – sein Denkmal steht seit 1850 davor!), sondern auch als Schriftsteller die ganze deutsche Nation. Schon seit seinen jungen Jahren (als Schullehrer und Prediger in Riga, später als Superintendent in Bückeburg) publizierte er unermüdlich: nicht nur Theologisches, sondern vor allem auch Philosophisches, Gedichte, Prosa, Volkslieder, Nachdichtungen und Übersetzungen aus verschiedenen Sprachen und sogar eigene Zeitschriften. Er gilt allgemein als ‚der große Anreger‘: für einen erweiterten Begriff von Dichtung (Volksdichtung, Weltliteratur), für eine entsprechende Würdigung des Menschen als eines Sinneswesens (er betonte vor allem das Ohr und die Hand, im Gegensatz zur Akzentuierung des Auges durch die Aufklärer und eine lange abendländische Tradition), für ein adäquates Verständnis von Kultur. 

Kultur 

Vor allem auf diesem Gebiet sieht man heute seine Leistung. Herder entwarf den Menschen als Kulturwesen, das unfertig auf die Welt kommt und nur im Kontakt mit anderen Menschen voll ausreifen und sich schließlich selber bilden kann. Damit entfaltet er sich aber auch im Rahmen einer Gruppe, wobei Herder zunächst an die Familie, dann an die Nation, schließlich an die ganze Menschheit dachte. Obwohl er von der Vorbildlichkeit der alten Griechen in Bezug auf Plastik, Architektur und andere Künste überzeugt war, trat er schließlich als ein Anwalt der Relativität jeder Kultur hervor, welcher die Errungenschaften des Nordens pries (Shakespeare, Ossian, Skalden) und auch den Völkern außerhalb des europäisch-abendländischen Kulturkreises Gerechtigkeit widerfahren ließ (den zu seiner Zeit als unterste Stufe der Jäger und Sammler angesehenen Kaliforniern und Feuerländern, aber auch den schwarzen Sklaven in Amerika). Obwohl Herder davon überzeugt war, dass Christus der größte Mensch war, der je gelebt hat (er nannte ihn bevorzugt ‚Menschensohn‘), und dass das (ursprüngliche) Christentum die beste Möglichkeit sei, ein wahrhaft humanes Menschsein zu entfalten, zögerte er, Völker, die unter anderen kulturellen Voraussetzungen lebten, zum  Christentum zu missionieren (er lehnte dies definitiv ab für die asiatischen Hochkulturen: China, Japan, Indien). Obwohl er selbst den größten Teil seines Lebens am Schreibtisch verbrachte und einer der fleißigsten Leser und fruchtbarsten Schriftsteller seines Zeitalters war (die nach seinem Tode erschienene erste Werkausgabe umfasste nicht weniger als 45 Bände!), träumte er stets vom ‚eigentlichen Leben‘ jenseits der Buchstaben, Wörter und Schreibereien. Seine Sehnsucht kommt am schönsten zum Ausdruck in dem Motto, das er auf seinem Petschaft führte (und das auch die Grabplatte in der ‚Herderkirche‘ ziert, wo er begraben ist): Licht, Liebe, Leben.

Wirkung in Thüringen – und darüber hinaus

Die Weimarer Zeit war zwar nicht seine glücklichste Epoche (er ärgerte sich, weil seine Reformvorschläge in Kirche und Schule oft nicht durchdrangen; weil Goethe mit seinem Theater mehr Erfolg hatte als der Prediger auf seiner Kanzel; weil die Hofkreise überhaupt nur marginal vom Christentum berührt wurden und für Anregungen des Predigers wenig Empfänglichkeit zeigten), aber die Epoche seiner klassischen Schriften, unter denen vor allem die Ideen zur Philosophie der Geschichte und die Briefe zu Beförderung der Humanität hervorgehoben zu werden verdienen – nebst kleineren Akademieabhandlungen, mit denen er sich mehrfach Preise der Preußischen und der Bayerischen Akademien der Wissenschaften verdiente. Von seiner beruflichen Position in Weimar aus (er war Stadt- und Hofprediger, Superintendent und schließlich Präsident des Oberkonsistoriums) erarbeitete er sich im letzten Viertel des 18. Jahrhunderts eine Stellung als Journalist und auf dem Buchmarkt, die nur von wenigen Zeitgenossen übertroffen wurde. Seine Themen waren nicht auf die Stadt oder die Region bezogen, sondern auf die Weltliteratur und auf die Menschheit. Freilich: Dass er diese Stellung erreichen konnte, verdankte er nicht zuletzt auch den liberalen Zensurverhältnissen unter Herzog Carl August, den anregenden Gesprächsmöglichkeiten in der Stadt (Goethe, Wieland, Knebel, Einsiedel, Jean Paul und viele Durchreisende!) und der in Mitteldeutschland so dichten Infrastruktur der Drucker, Verleger und Buchhändler.

Herders Wirkung nach seinem Tode

Erstaunlicherweise wurde der so vielfältig anregende Herder bald nach seinem Tode schon vergessen – oder jedenfalls nicht mehr so stark beachtet, wie er es verdient gehabt hätte. Romantiker, subjektive Idealisten und Realisten wollten sich nur selten auf ihn berufen. Wobei freilich anzumerken ist, dass Goethe durchaus recht hatte mit seiner Bemerkung von 1828, dass vieles von Herder quasi anonym und zum allgemeinen Gedankengut der Deutschen geworden sei. Das macht es besonders diffizil, seine Wirkung in späteren Epochen und in verschiedenen anderen Ländern nachzuzeichnen – eine Forschungsperspektive, der sich ein Kongress der International Herder Society in Jena gewidmet hat, dessen Ergebnisse soeben im Druck erschienen sind.

Schwierig ist dieses Thema auch, weil Herder so viel Anlass zu Aneignungen und Missdeutungen geboten hat. Dies begann mit der Reichseinigung von 1870/71 unter preußischen Auspizien, als man Herder plötzlich zum ‚deutschesten Deutschen‘ und ‚Künder des Reiches‘ erklärte; das setzte sich nach dem Ersten Weltkrieg fort mit der Proklamation Herders zum ‚Deutschen des Ostens‘ und erreichte seinen fragwürdigen Gipfel durch die Völkischen und Nationalsozialisten im ‚Dritten Reich‘. ‚Herder und das Volkstum‘ – das wurde nun zur stehenden Wendung. Herders Eintreten für die Belange der unterdrückten Menschheit wurde nun durch Goebbels (womit er eine Wendung aufgriff, die zuerst Friedrich Hebbel geprägt hatte) als ‚Humanitätsduselei‘ verspottet.

Erwähnt werden mag auch, dass Herder in den Jahrzehnten zwischen 1945 und 1989 im östlichen Teil Deutschlands von der Wissenschaft mehr beachtet wurde als im westlichen – wenn das auch etwas mit der Instrumentalisierung eines (vermeintlichen) Spinozisten und Atheisten (‚Vorläufer des Materialismus‘) und der nun in der DDR angeordneten Völkerfreundschaft mit Russland und den slawischen Völkern zu tun hatte. Das große Denkmal des wissenschaftlichen Bemühens um Herder in der DDR ist die an den Nationalen Forschungsstätten der klassischen deutschen Literatur in Weimar / Goethe- und Schiller-Archiv erarbeitete Herder-Briefausgabe, die von Wilhelm Dobbek angeregt, aber wesentlich jahrzehntelang von Günter Arnold betreut wurde und wird (kürzlich ist der 17. Band erschienen). Wie es kommen konnte, dass Herder – dessen philosophische und politische Intentionen so weit von denen der Politik im Zeitalter der Ost-West-Trennung entfernt waren – dermaßen vereinnahmt wurde, was das mit den Traditionen der deutschen Arbeiterbewegung und dem internationalen Sozialismus zu tun hat und zu welchen Ergebnissen und Auswüchsen das geführt hat, ist Gegenstand eines aktuellen Forschungsbeitrages.

Michael Maurer: Johann Gottfried Herder. Leben und Werk. Köln u.a.: Böhlau 2014, 184 Seiten, ISBN: 978-3-412-22344-1, 19,90 €.

Zum Autor: Michael Maurer hat die Professur für Kulturgeschichte an der Friedrich-Schiller-Universität Jena inne und ist Präsident der International Herder Society.

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