Die Wiederbeschaffung von Büchern für die Herzogin Anna Amalia Bibliothek

Ein Zwischenbericht zum 10. Jahrestag des Brandes

von Katja Lorenz

Rokokosaal in der Herzogin Anna Amalia Bibliothek (© Klassik Stiftung Weimar, Foto: Maik Schuck)

Am 2. September 2004 verbrannten in der Weimarer Herzogin Anna Amalia Bibliothek 50.000 Bücher, die auf der ehemaligen Zweiten Galerie des Rokokosaals untergebracht waren. Weitere 25.000 stark verkohlte Buchblöcke und Fragmente wurden aus dem Brandschutt geborgen und im Leipziger Zentrum für Bucherhaltung gefriergetrocknet. Diese sogenannten ‚Aschebücher‘ werden seit 2009 gesichtet, identifiziert und in einer Spezialwerkstatt für brandgeschädigtes Schriftgut restauriert.

Im Projekt zur Wiederbeschaffung von Büchern wurden bislang 41.000 Ausgaben erworben, darunter mehr als 10.000 Ersatzexemplare für Brandverluste und 16.000 Buchgeschenke. Zu den Bestandsergänzungen zählen mehrere Privatsammlungen. Diese kompensieren Verluste in besonders schwer geschädigten und substanziell wichtigen Bereichen oder setzen neue Akzente im dezimierten historischen Bestand. Langfristig sollen zwei Drittel der Brandverluste ersetzt werden. Bisher wurden 5,2 Mio. Euro in Buchankäufe investiert.

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Die meisten verbrannten Ausgaben lassen sich nur über die gezielte Suche im Antiquariats- und Auktionshandel wiederbeschaffen. Dabei wird der Großteil auf Auktionen im In- und Ausland erworben. Der Schwerpunkt liegt auf alten Drucken mit Erscheinungsjahr bis 1850. Im Vorfeld eines Ankaufs ist durch bibliografische Recherchen genau zu klären, ob das angebotene Exemplar tatsächlich der verbrannten Ausgabe entspricht (bei Drucken des 16. und 17. Jahrhunderts existieren häufig Druckvarianten ein und desselben Titels) und ob alle Bestandteile der Ausgabe enthalten sind (z. B. Frontispiz, Widmung, Vorrede, Errata oder eine Buchbinderanweisung). Der Erhaltungszustand ist zu prüfen, um restauratorische Folgekosten zu minimieren, und mittels antiquarischer Plattformen und Datenbanken auch der Preis.

Sammelband aus dem 17. Jh., Signatur: 238562-A

Sammelband aus dem 17. Jh., Signatur: 238562-A

Häufig wird ein mögliches Ersatzexemplar nicht einzeln angeboten, sondern ist Bestandteil eines sogenannten Sammelbands, der typischen Bindungsform insbesondere für schmale Schriften des 16. bis 18. Jahrhunderts. Ihre früheren Besitzer stellten sie individuell zusammen, bevor sie in einen gemeinsamen Pergament-, Leder- oder Pappband eingebunden wurden. Auch ein Großteil der Weimarer Brandverluste befand sich in solchen Sammelbänden, die zehn umfangreichsten enthielten insgesamt 962 Titel. Auf dem Antiquariatsmarkt werden die gesuchten Drucke in anderen Zusammenstellungen angeboten, sodass häufig zusätzliche Titel erworben werden, die es zuvor nicht im Bestand der Bibliothek gab. Bei möglichen Dubletten innerhalb des Bandes muss wiederum abgewogen werden, ob sich der Erwerb zu einem vertretbaren Preis lohnt. Im Fall des abgebildeten Sammelbands, der auf einer Kölner Auktion ersteigert wurde, fiel die Entscheidung leicht: Er enthält neben zwei Ersatzexemplaren dreißig noch nicht in Weimar nachgewiesene Drucke aus dem Thüringer und mitteldeutschen Raum, darunter seltene Gelegenheitsschriften.

Bucheinband der Weischner-Werkstatt, 19 B 19356 (10) (Foto: Galerie Bassenge)

Bucheinband der Weischner-Werkstatt, 19 B 19356 (10) (Foto: Galerie Bassenge)

Bestandsergänzungen, die gezielt erworben werden, sind vor allem Titel zur deutschen Literatur um 1800 und seltene Thuringica, letzte jedoch unter Berücksichtigung bereits vorhandener Nachweise in anderen Thüringer Bibliotheken. Beispiele wären Das große Thüringisch-Erfurtische Kochbuch von Johann Christian Eupel, Erfurt 1797-1798, mit einem handschriftlichen Besitzeintrag von Charlotte Froriep, geb. Bertuch (Signatur 19 A 17536) oder zwei Prachteinbände aus der Werkstatt von Johannes und Lukas Weischner (Signatur 19 B 19356 [10] und 19 C 20998). Diese waren im ausgehenden 16. Jahrhundert als Buchbinder für den Weimarer Hof tätig. Kennzeichnend für ihren Stil sind die Verwendung großformatiger Prägeplatten und mehrfarbige Lackmalereien.

Seit 2012 beteiligt sich das Wiederbeschaffungsteam an der Sichtung und Identifizierung der auf Paletten in einem Außenmagazin gelagerten ‚Aschebücher‘, um möglichst viele Information über den Zustand einzelner Titel zu sammeln und Ersatzkäufe für restaurierbare Exemplare zu vermeiden. Etwa 10.000 Objektschachteln müssen noch geprüft werden, bis die Sichtung voraussichtlich Ende 2016 abgeschlossen werden kann. Zahlreiche brandgeschädigte Drucke warten auf ihre Restaurierung, darunter Teile der Musikaliensammlung, seltene Ausgaben der Barockliteratur sowie wertvolle naturwissenschaftliche Werke. So können alle Weimarer Exemplare früher Kopernikus-Ausgaben gerettet werden: die 1543 erschienene Nürnberger Erstausgabe De Revolutionibus Orbium coelestium, Libri VI (dt.: Über die Umläufe der himmlischen Kreise in sechs Büchern), das bereits ein Jahr zuvor in Wittenberg veröffentlichte Kapitel zur trigonometrischen Messung De Lateribus et Angulis Triangulorum (dt.: Über Seiten und Winkel von Dreiecken) und die dritte Ausgabe, die 1617 in Amsterdam unter dem Titel Astronomia Instaurata (dt.: Erneuerte Astronomie) erschienen war. Sie wurde bereits restauriert und steht im digitalen Angebot der Bibliothek zur Verfügung. Eine Wiederbeschaffung wäre zumindest für die ersten beiden Drucke aus Kostengründen nicht vertretbar gewesen, der Marktpreis für die Erstausgabe liegt im Bereich von einer Million Euro. Ohne den Einsatz unzähliger Helfer, die in der Brandnacht und den Tagen danach mehrere Zehntausend Bücher geborgen haben, ohne die fachgerechte Notfallbehandlung und die Entwicklung geeigneter Restaurierungstechnologien wären diese Schlüsselwerke des Kopernikanischen Weltbildes unwiederbringlich zerstört worden.

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Weitere Infos:

Website „Hilfe für Anna Amalia“ / Buchverluste und Wiederbeschaffung

Im Blog der Klassik Stiftung Weimar werden in den kommenden Monaten einige besondere Ankäufe und Geschenke vorgestellt, die nach dem Brand neu in die Sammlung der Herzogin Anna Amalia Bibliothek integriert wurden.

Zum Weiterlesen:

»Es nimmt der Augenblick, was Jahre geben«. Vom Wiederaufbau der Büchersammlung der Herzogin Anna Amalia Bibliothek. Im Auftrag der Klassik Stiftung Weimar hrsg. von Claudia Kleinbub, Katja Lorenz und Johannes Mangei, Göttingen 2007

Katja Lorenz: Ein wertvoller Fund unter den Weimarer „Aschebüchern“: De revolutionibus orbium coelestium, libri VI von Nikolaus Kopernikus, in: SupraLibros – Mitteilungen der Gesellschaft Anna Amalia Bibliothek e. V. 15 (2014), S. 10-11


Zur Autorin: Katja Lorenz studierte Kunstgeschichte und leitet als wissenschaftliche Bibliothekarin das Team „Wiederbeschaffung historischer Drucke“ an der Herzogin Anna Amalia Bibliothek.

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