„Hätten Sie nicht Lust, sich hier auf dem Thüringer Wald einmal umzusehen?“

Johannes Brahms auf Schloss Altenstein

von Renate und Kurt Hofmann

Johannes Brahms im Park des Arenberg-Palais in Wien sitzend (Fotografie von Maria Fellinger, 1. Mai 1895)

Johannes Brahms im Park des Arenberg-Palais in Wien sitzend (Fotografie von Maria Fellinger, 1. Mai 1895)

„Hätten Sie nicht Lust, sich hier auf dem Thüringer Wald einmal umzusehen? Wenn Sie die Hirsche schreien hören könnten, das wäre etwas für Sie! Freilich hören sie schon mit Mitte dieses Monats auf zu brüllen wie die Löwen, und wenn wir Sie auch für unser Leben gern so lange hier hätten, so werden Sie so lange nicht kommen mögen, obgleich ich nicht einsehe, warum Sie nicht ebenso gut hier zu Hause sein, hier ungestört, ja noch viel ungestörter sollten componiren, lesen, schreiben können, wie in Wien, und wandern könnten Sie hier doch noch ganz anders!!“

Dies schrieb Freifrau Helene von Heldburg, die dritte Gemahlin Herzog Georgs II. von Sachsen-Meiningen, am 7. Oktober 1891 an Johannes Brahms, um ihn nach Schloss Altenstein – dem Sommersitz der Herzöge von Sachsen-Meiningen bei Bad Liebenstein – zu locken (siehe Brahms Briefwechsel, Neue Folge, Bd. 18, Tutzing 1991, S. 117). Doch blieb dieser, wie noch so mancher Versuch vorher und nachher erfolglos. Der Komponist brauchte die völlige Einsamkeit, um überhaupt komponieren zu können, und dazu dienten ihm vor allem die Sommermonate, die er gewöhnlich in der Sommerfrische in Österreich oder der Schweiz verbrachte.

Beginn der Freundschaft in Meiningen

Brahms hatte das Herzogspaar im Oktober 1881 in Meiningen kennen gelernt, als er von dem Intendanten der Meininger Hofkapelle, Hans von Bülow, eingeladen worden war, mit dem Orchester seine neuen sinfonischen Werke auszuprobieren. Nach den erfolgreichen Proben wurden die Werke auch dem Herzogspaar vorgespielt. Die künstlerische Atmosphäre am herzoglichen Hof zog Brahms sofort in seinen Bann und ließ ihn sich so behaglich fühlen, dass er schon einen Monat nach seinem ersten Aufenthalt nach Meiningen zurückkehrte, eine Woche blieb und in einem Abonnementskonzert mitwirkte. Spätestens in dieser im engen Kontakt mit dem Herzog und seiner Gemahlin verbrachten längeren Zeit nahmen die Beziehungen zwischen ihnen einen freundschaftlichen Charakter an, der sich auch in der Korrespondenz niederschlug. Von nun an verging kaum ein Jahr, in dem Brahms nicht für eine Woche oder wenigstens einige Tage nach Meiningen kam, um im privaten Kreis zu musizieren und im Konzert der Hofkapelle als Pianist und vor allem als Dirigent seiner sinfonischen Werke mitzuwirken. Man traf sich auch außerhalb des Meininger Hofes. Der Gedankenaustausch zwischen ihnen betraf nicht nur künstlerische und politische, sondern durchaus auch sehr persönliche Fragen.

Treppe hinab zur Aeolsharfe

Treppe hinab zur Aeolsharfe

Ende der 1880er Jahre, als Herzog Georg II. das barocke Schloss Altenstein im Neorenaissancestil englischer Herrenhäuser umbauen ließ, hatte er sich auch mit Brahms über den Umbau unterhalten, und Brahms informierte sich über Schloss und Park Altenstein höchstwahrscheinlich zusätzlich in zeitgenössischen Führern, denn in seinem Antwortbrief an die Freifrau auf die oben zitierte Anfrage erwähnte er die „Aeolsharfen in der alten Burg der Hunde von Wenkheim“, um gleich anschließend festzustellen: „aber die existieren wohl nicht mehr.“ (Ebd. S. 118) womit er durchaus recht hatte, diese Äolsharfen, die noch Mitte des Jahrhunderts erklungen waren, waren inzwischen zerstört und wurden nicht mehr repariert, die Zeit der Romantik, für die solche Instrumente typisch waren, war vorüber.

Erster Besuch auf Schloss Altenstein

Im November 1894 entschloss sich Brahms dann ganz spontan zu einem Besuch auf Schloss Altenstein. Am 11. November 1894 wandte er sich in launiger Weise an die „verehrte Schlossherrin“: „Mühlfeld bläst so lieblich auf seiner Clarinette und erzählt dazu so lockend von Schloß Altenstein, daß ich nothwendig ein wenig fantasiren muß. Ich denke am Mittwoch nach Wien, Mühlfeld nach Meiningen zu fahren. Wenn Sie mir mit einem Wort die Erlaubniß geben, so möchte ich gern den Umweg machen und Ihr schönes Schloß besehen.“ (Ebd. S. 133). Der Klarinettist der Meininger Hofkapelle, Richard Mühlfeld, hatte durch sein ausgezeichnetes Spiel Brahms so begeistert, dass dieser seinem Entschluss, nicht mehr zu komponieren, untreu wurde und noch einmal mehrere Kammermusikwerke mit Klarinette schrieb: ein Klarinettentrio (op. 114), ein Klarinettenquintett (op. 115) und zwei Sonaten für Klarinette und Klavier (op. 120). Nun wollte Brahms die beiden Klarinettensonaten mit Mühlfeld Herzog Georg II. und der Freifrau auf Schloss Altenstein vorführen. Das Herzogspaar war nur zu glücklich über die Anfrage und lud Brahms dringend ein zu kommen. Am 14. November trafen Brahms und Mühlfeld am späten Nachmittag auf dem Altenstein ein, sie waren bis Eisenach mit der Eisenbahn gefahren und von dort „mit einem halbverdeckten zweisitzigen Wagen“ abgeholt worden (siehe Fourierbuch 1894, Thüringisches Staatsarchiv Meiningen, Hofmarschallamt Nr. 1388).

Spaziergänge im Park, Musik und Lektüre

Kurz nach ihrer Ankunft fand bereits das Diner statt, und anschließend musizierten Brahms und Mühlfeld die beiden Klarinetten-Sonaten. Am nächsten Morgen dann konnte Brahms – wahrscheinlich in Begleitung des Herzogs – Schloss und Park bewundern. Er erlebte eine in warmes, spätherbstliches Sonnenlicht getauchte Landschaft, blickte von der mittleren Terrasse hinab ins Werratal und hinüber in die thüringische und hessische Rhön. Auch des Herzogs Jagdhaus auf dem Pleß, das Brahms noch kennen lernen sollte, war von der Terrasse und vom Park aus zu sehen. Beim Spaziergang durch den Park, zur Teufelsbrücke und in den angrenzenden Wald begleiteten ihn „die schönsten Fasane, Hirsche und Rehe dutzendweis“, wie er Clara Schumann in einem begeisterten Brief vom Altenstein berichtete (siehe Brahms Briefe, Ausg. Leipzig 1927, S. 571). In der knappen Woche, die Brahms auf dem Altenstein verbrachte, wurden die Klarinettensonaten noch öfter gespielt. Da aus Meiningen zeitweise auch der Schauspieler, Sänger und Violinist Dr. Ludwig Wüllner nach dem Altenstein kam, begleitete Brahms diesen beim Vortrag einiger seiner gerade im Druck erschienenen „49 deutschen Volkslieder“ und bei einzelnen Liedern aus den „Romanzen aus L. Tiecks Magelone“ op. 33. Außerdem spielten sie mehrfach die ersten beiden Violinsonaten von Brahms.

Gemäß seiner Gewohnheit nutzte Brahms die frühen Morgenstunden zur Lektüre. Hier auf dem Altenstein las er zwei Werke des Schriftstellers und Malers Artur Fitger, den Brahms seit langem von seinen Konzerten in Bremen her kannte und als Dichter sehr schätzte: zum einen den Gedichtzyklus Requiem aeternam dona ei mit dem Versepos Reineckes Brautfahrt, der gerade 1894 im Leipziger Verlag von A. G. Liebeskind erschienen war. Zum anderen dessen im selben Jahr erschienenes Trauerspiel nach Voltaire Jean Meslier, das Fitger Herzog Georg II. gewidmet hatte in der Hoffnung, dass dieser es am Meininger Theater aufführen lassen würde. Doch erfüllte der Herzog diese Erwartung nicht, wie dem Brief von Brahms an Josef Viktor Widmann vom 17. Dezember 1894 zu entnehmen ist (siehe Brahms Briefwechsel, Bd. 8, Berlin 1915, S. 138f.). Von Fitger stammten übrigens auch die Lünetten im großen Speisesaal des Schlosses. Außerdem beschäftigte sich Brahms auch noch mit der soeben erschienenen umfangreichen Biographie über Anselm Feuerbach von seinem Freund Julius Allgeyer, die er auf der Reise gekauft hatte. Diese Lektüre bildete, wie es Brahms’ Art war, neben anderen Themen ausführlichen Gesprächsstoff mit dem Herzogspaar. Darüber hinaus dürfte auch die Ende 1894 erschienene „Brahms-Phantasie“ von Max Klinger – „Es sind das 41 Zeichnungen und Radirungen, denen Lieder von mir und schließlich das Schicksalslied zu Grunde liegen“, wie Brahms das Werk der Freifrau gegenüber erklärte –, (siehe Brahms Briefwechsel, Neue Folge, Bd. 17, Tutzing 1991, S. 128 ) ausführlich diskutiert worden sein, da hier auch der Zeichner im Herzog angesprochen wurde.

Schloss Altenstein 1899, Ansichtspostkarte

Schloss Altenstein 1899, Ansichtspostkarte

Briefe aus dem ‚Paradies‘

Darüber hinaus fand Brahms noch Zeit, Korrespondenzen zu erledigen, zu denen ihm vom Herzog Briefpapier mit dem Briefkopf „SCHLOSS ALTENSTEIN“ zur Verfügung gestellt wurde. Bisher ließen sich vier Briefe nachweisen. In diesen Briefen schwärmte Brahms von den wunderschönen Spaziergängen, die er bei dem wundervollen Wetter durch Park und Wald unternahm. Am 19. November 1894 verließ Brahms schweren Herzens das paradiesische Fleckchen Erde mit dem festen Vorsatz, wieder hierher zurückzukehren.

Wiederkehr und Abschied

Im folgenden Jahr bot sich ihm noch einmal Gelegenheit dazu. Als er zum ersten Sachsen-Meiningenschen Landesmusikfest, das vom 27. bis 29. September 1895 stattfand, am 25. September in Meiningen eintraf, stand für ihn fest, dass er nach dem Fest noch den Altenstein besuchen würde. Schon am 26. September kam er für einige Stunden dorthin, da der Herzog, der wegen seines Gehörleidens an dem Musikfest nicht teilnehmen konnte, einige der Mitwirkenden zum Diner auf das Schloss geladen hatte. Nach Abschluss des Festes fuhr Brahms am 30. September mit der Freifrau zum Jagdhaus Pleß, auf dem sich der Herzog gerade aufhielt, und am nächsten Tage mit dem Herzogspaar weiter nach Schloss Altenstein. Diesmal konnte Brahms nur zwei Tage bleiben. Aber auch diese Tage waren angefüllt mit viel Musik, ausgiebigen Gesprächen und Spaziergängen. Bei diesem Aufenthalt weilten als Gäste Prinz Ernst (der älteste Sohn des Herzogs aus seiner zweiten Ehe) mit seiner jungen Frau, Katharina von Saalfeld, Tochter des Dichters Wilhelm Jensen, im Schloss, so dass auch die Lyrik dieses Dichters ausführlich erörtert wurde und Brahms bei seiner Abreise den 1893 in Breslau erschienenen Band mit zwei Novellen dieses Dichters als Reiselektüre mitbekam. Weitere Aufenthalte auf Schloss Altenstein waren Brahms nicht mehr vergönnt, doch noch auf seinem Sterbebett schwärmte er von den schönen Stunden, die er im Schloss und Park Altenstein verlebt hatte.

Schloss und Park heute

Seit 1995 gehören Schloss und Park Altenstein der Stiftung Thüringer Schlösser und Gärten, die begonnen hat, das 1982 ausgebrannte Schloss wieder aufzubauen und einer öffentlichen Nutzung zuzuführen. Dabei soll in Teilen die alte Pracht wiedererstehen. Der Festsaal und das große Treppenhaus mit seinen bunten Fenstern, von dem der Thüringer Wanderer und Schriftsteller August Trinius schon schwärmte, (Thüringer Wanderbuch von August Trinius, IV. Band, Minden 1890, S. 348) sollen rekonstruiert werden. Und neben dem Festsaal im ersten Stock des Schlosses wird ein Brahms-Gedenkzimmer eingerichtet werden, in dem durch Plastiken, Bilder, Fotos und andere Dokumente an Brahms’ Aufenthalte auf Schloss Altenstein erinnert wird. All diese Exponate zusammen mit weiteren Dokumenten zu berühmten Gästen auf Schloss Altenstein und zu Leben und Werk von Brahms wie zu Herzog Georg II. und der Freifrau von Heldburg sind bereits als „Zustiftung für Schloss Altenstein“ von Kurt und Renate Hofmann der Stiftung Thüringer Schlösser und Gärten übergeben worden. Mit der Einrichtung eines chinesischen Kabinetts neben dem Brahms-Zimmer wird die besonders im 18. Jahrhundert gepflegte Vorliebe für Chinoiserien wieder aufgenommen, die durch Herzog Georg I. um 1800 auch im Altensteiner Park und Schloss ihren Niederschlag gefunden hatte.

Der Altensteiner Park heute: Blick vom Morgentor Richtung Burgruine Bad Liebenstein

Der Altensteiner Park heute: Blick vom Morgentor Richtung Burgruine Bad Liebenstein

Literatur zum Nach- und Weiterlesen:

Johannes Brahms im Briefwechsel mit Herzog Georg II. von Sachsen-Meiningen und Helene Freifrau von Heldburg, hrsg. von Herta Müller und Renate Hofmann (Johannes Brahms-Briefwechsel, Neue Folge, Bd. 17), Tutzing: Schneider 1991, 162 Seiten, ISBN 978-3795206550, ca. 40 bis 50 €.

Clara Schumann – Johannes Brahms. Briefe aus den Jahren 1853-1896, hrsg. von Berthold Litzmann. 2. Bd: 1872 –1896, Leipzig: Breitkopf & Härtel 1927 (Nachdruck bei Olms 1970).

Johannes Brahms. Briefe an Joseph Viktor Widmann, Ellen und Ferdinand Vetter, Adolf Schubring, hrsg. von Max Kalbeck (Johannes Brahms Briefwechsel, Bd. 8), Berlin: Schneider 1915.

Johannes Brahms auf Schloss Altenstein und am Meininger Hof. Amtlicher Führer Special der Stiftung Thüringer Schlösser und Gärten, bearbeitet von Renate und Kurt Hofmann. Berlin/München: Deutscher Kunstverlag 2012, 96 Seiten, ISBN 978-3422023475, 5,80 €.

Renate und Kurt Hofmann: Unsere ersten Besuch auf Altenstein (Erfahrungsbericht auf der Homepage der Autoren).

Weitere Infos:

Schloss Altenstein, 36448 Bad Liebenstein. Überblick, Kontakte und Anfahrt auf den Seiten der Stiftung Thüringer Schlösser und Gärten.
Der Park ist ganzjährig geöffnet und frei zugänglich. Wer alle Sehenswürdigkeiten (wie die Teufelsbrücke, das Morgentor, das Chinesische Teehäuschen oder die Rotunde) ansehen will, sollte einige Stunden Zeit mitbringen, ansonsten bietet folgende privat geführte Seite die Möglichkeit, eine Vorauswahl zu treffen: http://www.nothnfr.de.

Zu den Autoren: Renate Hofmann geb. Bormann ist Musikwissenschaftlerin und klassische Archäologin mit jahrzehntelanger Erfahrung als Lektorin für wissenschaftliche Buchausgaben. Kurt Hofmann kommt aus der politischen Bildungsarbeit. Mit dem Leben und Schaffen von Johannes Brahms beschäftigt er sich seit mehr als 60 Jahren. Unter anderem ist er Gründungsmitglied der Johannes-Brahms-Gesellschaft Internationale Vereinigung e.V., Hamburg. Zusammen leiteten sie viele Jahre ehrenamtlich das Brahms-Institut an der Musikhochschule Lübeck und bauten dessen Bestände durch Ankauf bedeutender Autographe und Briefkonvolute weiter aus. Beide sind Mitglieder des Beirats im Internationalen Trägerverein der Johannes Brahms-Gesamtausgabe e. V. Seit Mitte der 1990er Jahre engagieren sie sich intensiv für den Wiederaufbau des Schlosses Altenstein und die Einrichtung eines Brahms-Gedenkzimmers sowie eines chinesischen Kabinetts.


Ein Kommentar (+deinen hinzufügen?)

  1. hildegardlewi
    Feb 18, 2014 @ 08:46:23

    Es ist immer sehr schön, wenn man ein Zipfelchen der Vergangenheit erwischt. 😀

    Antwort

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