Krankenakte „Kulturland Thüringen“ ?

Kulturmacher, -politiker und -experten diskutierten in Erfurt über einen möglichen „Thüringer Kulturinfarkt“

von Stefanie Kießling

Podiumsdiskussion "Thüringer Kulturinfarkt?"

Diskussionsrunde zu „Gibt es einen Kulturinfarkt?“

Letzte Woche wurden die aktuellen Zahlen auf Bundesebene bekannt gegeben: Der Kulturhaushalt bleibt 2014 stabil. 1,207 Milliarden Euro sollen die frohe Botschaft unseres Kulturstaatsministers Bernd Neumann unterstreichen, dass „Kulturförderung keine Subvention, sondern eine unverzichtbare Investition in die Zukunft unserer Gesellschaft ist.“ Außerdem sendet er so ein politisches Signal an die Bundesländer „ auch in finanziell schwierigen Zeiten bei der Kultur keine Kürzung vorzunehmen.“ Fast gleichzeitig wurde in einem der kulturreichsten Bundesländer Deutschlands eine emotionale Debatte geführt: Auf Einladung der Kulturpolitischen Gesellschaft e.V. fand am 25. Juni in der Kleinen Synagoge in Erfurt die Diskussionsveranstaltung zum Thema: „Gibt es einen Thüringer ‚Kulturinfarkt‘?“ statt.

„Der Kulturinfarkt“

Dieter Haselbach, einer der Autoren des "Kulturinfarkts" stellt sich der Diskussion

Dieter Haselbach, einer der Autoren des „Kulturinfarkts“ stellt sich der Diskussion

Die Wellen schlugen erwartungsgemäß hoch, als im Frühjahr 2012 Dieter Haselbach, Armin Klein, Pius Knüsel und Stephan Opitz mit ihrer Polemik Der Kulturinfarkt. Von allem zu viel und überall das Gleiche an die Öffentlichkeit gingen. Schließlich plädieren die Autoren für eine Halbierung der subventionierten kulturellen Infrastruktur: „Was wäre gefährdet, wenn die Hälfte der Theater und Museen verschwände, einige Archive zusammengelegt und Konzertbühnen privatisiert würden?“ (S. 209), fragt das Quartett. Den heutigen Kulturkonsumenten würde das kaum stören, so die vier weiter, wer Kultur live erleben wolle, reise zu ihr, ansonsten lasse sie sich ja digital jederzeit preisgünstig rezipieren. Was auf solche Thesen folgte, war absehbar: Alle großen deutschen Medien berichteten, die gesamte deutsche Kulturlandschaft bebte und wetterte vor Aufregung nach diesem Schuss vor den Bug, der Deutsche Kulturrat schlug den Begriff ‚Kulturinfarkt‘ zum Unwort des Jahres vor. Allein die Presseschau, die die Kulturpolitische Gesellschaft e.V. in den ersten zwei Wochen nach Erscheinen des Buches zusammengestellt hat, ist ganze sieben Seiten lang. Doch bei aller Empörung über die Autoren und ihre Thesen: Sie haben wichtige Fragen aufgeworfen und eine kulturpolitische Debatte entzündet, die sich nicht als Strohfeuer herausgestellt hat, sondern bis heute die Gemüter erhitzt.

Die Thüringer Debatte

Tobias J. Knoblich: "Kulturpolitik braucht Austausch und Debatte"

Tobias J. Knoblich: „Kulturpolitik braucht Austausch und Debatte“

Nun ist es der Polemik eigen, dass sie zu überspitzten Aussagen neigt und gerne mit der Verallgemeinerung einhergeht. Sie muss nicht vermitteln, im Gegenteil: jede Differenzierung nähme ihr die Schärfe. Und hier erweist sich Der Kulturinfarkt als echte Streitschrift. Schon die Süddeutsche bemängelte kurz nach Erscheinen des Buches, in dem Artikel Lieber ein Streit, der sich lohnt, dass die Autoren über die „sehr unterschiedlichen Erfahrungen beim Umbau der Kultureinrichtungen in Ostdeutschland schweigen […], obwohl dies das größte kulturpolitische Reformprojekt der vergangenen zwanzig Jahre war“. Und genau da setzte auch die Thüringer Debatte an. Auf dem Podium saßen Dieter Haselbach (Mitautor des Kulturinfarkts), Steffen Mensching (Intendant des Theaters Rudolstadt), Dana Kern (Kulturreferat Meiningen) und Hans-Jürgen Döring (kulturpolitischer Sprecher der SPD- Fraktion im Landtag); durch den Abend führte Tobias J. Knoblich (Kulturdirektor der Stadt Erfurt). Gekommen waren neben den Gesprächspartnern auf dem Podium mehr als 70 Gäste, darunter viele Kulturschaffende, Politiker und Wissenschaftler. Und Gesprächsstoff gab es reichlich: Trifft der recht westliche Befund der „Kulturinfarkt“-Autoren auf Thüringen zu? Was können wir in Thüringen mit dieser Debatte anfangen? Übernimmt sich das kleine Land, indem es Kultur zu seinem Markenzeichen erklärt – ein Land, dessen Kulturkonzept nicht weniger als 170 Seiten dick ist? Stirbt der ‚Patient‘, wenn man den Therapieansätzen von Haselbach, Klein, Knüsel und Opitz folgt?

Podiumsteilnehmer von links nach rechts: Hans-Jürgen Döring, Dieter Haselbach, Tobias J. Knoblich, Steffen Mensching, Diana Kern

Podiumsteilnehmer von links nach rechts: Hans-Jürgen Döring, Dieter Haselbach, Tobias J. Knoblich, Steffen Mensching, Dana Kern

Bei allem scharfem Widerspruch, der gegen so manchen Befund des Kulturinfarktes eingelegt wurde, kristallisierte sich auch heraus, dass die Debatte breit und öffentlich geführt werden muss. Wenngleich die scharfe und emotionale Diskussion in Erfurt keine konkreten Ergebnisse brachte, so wurde doch deutlich, dass angesichts der Unterfinanzierungs- und Rezeptionskrise unzählige Fragen dringend geklärt werden müssen – auch und gerade in Thüringen!

Diana Kern: "Debatten müssen Folgen haben."

Dana Kern: „Debatten müssen Folgen haben.“

Fragen wie: Was ist Kultur im 21. Jahrhundert? Ist sie eine Staatsangelegenheit oder Aufgabe der Gesellschaft? Was ist ihr Auftrag? Wie reagiert der Kulturbetrieb auf gesellschaftliche Veränderungen? Wie begegnet man in Thüringen dem demografischen Wandel? Tragen die Konzepte oder sind sie hoffnungslos veraltet? Brauchen wir eine Erneuerung und wenn ja, wie soll die aussehen? Wer setzt neue Ziele? Wen soll die öffentlich geförderte Kultur überhaupt erreichen? Wen erreicht sie tatsächlich? Gibt es im ländlich geprägten Raum ausreichend kulturpolitische Kompetenzen? Und nicht zuletzt: Wie werden die knappen Geldressourcen verteilt? Wer darf am Kuchen naschen und wer muss vom Katzentisch aus zuschauen?

Nicht nur mit vielen Aufgaben im Gepäck haben die Teilnehmer und Gäste am Ende eine Veranstaltung verlassen, die einen gelungenen den Auftakt bildete für einen anhaltenden Diskurs zur Kulturpolitik in Thüringen, sondern auch mit einem Wunsch: Mögen die Debatten Folgen haben!

Zum Weiterlesen

Cover_Kulturinfarkt

Dieter Haselbach, Armin Klein, Pius Knüsel und Stephan Opitz: Der Kulturinfarkt. Von allem zu viel und überall das Gleiche. München: Knaus 2012, 288 Seiten, 19,99€, ISBN 978-3-8135-0485-9 (Leseprobe)

Das Kulturkonzept des Freistaates Thüringen

Informationen zur Kulturpolitischen Gesellschaft e.V.

Adresse für Anregungen, Ideen und Themenvorschläge für folgende Debatten: Erfurterdebatte@gmx.de

Zur Autorin: Stefanie Kießling, Lektorin und wissenschaftliche Koordinatorin, ist Vorstandsmitglied der Gesellschaft Kulturerbe Thüringen e.V.

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