Seine Leidenschaft war das Denken

Mit Wilhelm G. Jacobs darf man Johann Gottlieb Fichte neu entdecken

von Florian Scherübl

17541Anlässlich seines 250. Geburtstags hat Wilhelm G. Jacobs dem Philosophen und wichtigen Weichensteller im Deutschen Idealismus, Johann Gottlieb Fichte, eine kleine aber ausgezeichnete Biografie gewidmet. Mit großer Kenntnis von Werk und Leben zeichnet er den Weg des Denkers von Sachsen über Thüringen nach Berlin nach – und von der kantischen Philosophie zum eigenen Gedankengebäude.

Rückkehr der Biografien großer Geister

Seit einigen Jahren floriert im geisteswissenschaftlichen Betrieb eine Schriftgattung, die man längst für tot ansah. Die Rede ist von der Biografie, die nunmehr wie Marxens sprichwörtliches Gespenst, wenn schon nicht in ganz Europa, so doch auf dem deutschen Buchmarkt für die gebildete Zielgruppe umgeht. Stefan Martus’ Biografie der Gebrüder Grimm oder Peter-André Alts und Rainer Stachs Kafka-Biografien sind nur einige Beispiele für die Lebendigkeit dieses totgesagten Genres.

Neben Akademikern, die sich dem Leben eines favorisierten Gelehrten zuwenden, hat sich gerade der Suhrkamp-Verlag der Erhellung der Lebensläufe großer Persönlichkeiten aller Zeiten verschrieben. Jährlich erscheinen bei seinem Ableger Insel mehrere gut 300-seitige Biografien, deren Gehalt man im besten Sinne des Wortes als Grundlagenwissen bezeichnen darf. Nicht wirklich innerhalb einer Reihe, aber zumindest beeindruckend weitgehend, deckt der Insel-Verlag das Bedürfnis seiner Leserinnen und Leser nach den Lebenserzählungen der großen Denker, Künstler und Politiker bis ins frühe 20. Jahrhundert hinein ab.

Fichte zum Geburtstag

Anlässlich des 200. Todestags Johann Gottlieb Fichtes hat uns der Literaturmarkt mehr als eine Biografie des Jenenser Gelehrten und deutschen Idealisten beschert. Wilhelm G. Jacobs, Philosophie-Professor an der LMU München und renommierter Fichte-Kenner, hat es übernommen, die Lebensgeschichte Fichtes für die Suhrkamp/Insel-Reihe zu schreiben.

Man merkt von der ersten Seite an, dass Jacobs ein führender Experte auf dem Gebiet des deutschen Idealismus ist und glühender Fichteaner. Mit großer Akribie und dennoch nie langatmig sondern äußerst konzise zeichnet er die intellektuellen Konflikte und Verbindungen des Philosophen mit Zeitgenossen wie Nicolai, Jacobi, Kant oder Schelling nach. Diese werden weder ausgewalzt noch im Vorbeigehen bloß angerissen, so dass stets die Mitte zwischen angenehmen Lesen und Gang ins Detail gewahrt bleibt. Immer wieder tauchen Briefzeilen oder Notizen des großen Geheimrats Goethe auf, von dessen Wohlwollen Fichte in seiner Jenaer Zeit abhängt und dessen ironischen, bisweilen polemischen, doch auch achtungsvollen Bemerkungen wie die eines zurückgelehnten Beobachters aus naher Ferne wirken. Der überlegte Umgang Jacobs’ mit den goetheschen und anderen Anekdoten und Einwürfen ist es, welcher dem Leser die Wirkung einer Philosophie der Freiheit auf die Zeitgenossen wieder vor Augen stellt. Wurde sie auch in oft kleinem Rahmen und mit weniger Pomp und Hang zur Beschwörung als heute gelehrt, ihre Sprengkraft ist enorm. Nicht zuletzt, weil die intellektuelle und politische Welt um 1800 noch ganz unter dem Einfluss der Französischen Revolution steht: Die Monarchen bangen um ihre Häupter und eine Philosophie, welche das Ich ins Zentrum stellt und dessen absolute Freiheit verkündet, hat es schwer in Europa. Ein Umstand, für den Fichtes häufige Finanznot und sein Irrweg als Gelehrter von Jena über Berlin, Erlangen, Königsberg bis zur Endstation an der frisch gegründeten Berliner Universität einsteht. Nach einer seiner Vorlesungen ergeht vom russischen Zaren sogar der Aufruf an alle in Deutschland studierenden Angehörigen des Reichs in die Heimat zurückzukehren – eine Reaktion auf die oft erfolgte Fehlrezeption Fichtes als Quasi-Revolutionär, welche Jacobs differenziert abbaut.

Schwierige Rezeption

Wie bei allen Denkern von Rang ist die Geschichte der Aufnahme von Fichtes Thesen eine, die von Missverständnissen durchdrungen ist. Mehr als einmal hat der Philosoph sich daher auch gegen die sich auf ihn berufenden Kräfte der eigenen Zeit zu wehren, etwa nationalliberal gesinnte Studenten, Anhänger des Turnvaters Jahn. In einer zweifelhaften Kür wird Hitler Fichte später als seinen Lieblingsphilosophen neben Nietzsche stellen. Solche fragwürdigen Berufungen auf Fichte sind nicht ausschließlich doch zu einem gewichtigen Teil auf den Jahrzehnte anhaltenden Einfluss der Reden an die deutsche Nation zurückzuführen. Diesen „Populären Reden“ widmet Jacobs ein ganzes Kapitel, scheidet darin nach wie vor Gültiges (Bedeutsamkeit der Bildung) von Überkommenem (Deutschtümelei in der Sprachphilosophie), betont ihre Stellungnahme zu zeitpolitischen Konflikten und bemüht sich auch das historische Panorama – Napoleons Zerschlagung des deutschen Reiches – wieder zu vergegenwärtigen. Gegen ihre oft nationalistische Vereinnahmung kehrt Jacobs Fichtes Kosmopolitismus heraus. Man mag den Reden gegenüberstehen, wie man möchte: Wenn ihr tieferer Sinn in der Verkündigung der These liegt, dass „der Zweck des Erdenlebens der Menschheit“ sei, „alle ihre Verhältnisse mit Freiheit nach der Vernunft einzurichten“, dann können Fichtes Absichten so verwerflich nicht sein. Zumindest nicht vergleichbar denen seiner politisch radikalen Rezipienten.

Wilhelm G. Jacobs hat eine wunderbar zu lesende Biografie geschrieben, die nicht nur Philosophie-Studenten für Fichte entflammen wird. Wie jede der Insel-Biografien ist auch sie mit zahlreichen Abbildungen illustriert. Dankenswerterweise endet das Buch mit einer bei aller Kürze aufschlussreichen Rezeptionsgeschichte des fichteschen Werks, von dem erst seit den 60er Jahren des letzten Jahrhunderts eine Gesamtausgabe zu erscheinen begann. Wer ein fundierendes Wissen von Leben und Denken dieses Philosophen gewinnen möchte, dem sei Jacobs’ Buch wärmstens empfohlen.

Wilhelm G. Jacobs: Johann Gottlieb Fichte. Eine Biographie. Berlin: Insel 2012, 250 Seiten, 24,95€, ISBN 978-3-458-17541-4 (Leseprobe)

Zum Autor: Florian Scherübl ist Bachelor of Arts in Philosophie und Germanistik und freier Mitarbeiter im Verlagswesen.

2 Kommentare (+deinen hinzufügen?)

  1. matheomoreau
    Jun 28, 2013 @ 11:13:12

    Hat dies auf Moreau's multae artes rebloggt und kommentierte:
    Mein Heimatblatt „KulThür“ widmet dem Johann Gottlieb Fichte eine Rezension zur neuesten Biographie von Wilhelm Jacobs.

    Fichte gilt als der wichtigste Vertreter des Deutschen Idealismus und machte die Universität Jena zur Zeit seiner Philosophie-Professur zur wichtigsten deutschen Lehrstätte des Idealismus.

    Antworten

  2. Trackback: Seine Leidenschaft war das Denken | Moreau's multae artes

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: