Ein Stück Thüringer Gelehrtengeschichte

Zur Biografie über Gottlob Tröbst

von Stefanie Kießling

HvdV_3dAls Leo Tolstoi im April 1861 zu Besuch nach Weimar kommt, gilt sein erster Besuch nicht etwa dem Großherzog Karl Alexander, sondern Gottlob Tröbst, mit dem er bereits als Kind durch die Wälder von Teploe (200 km von Moskau) streifte. Wer ist dieser Tröbst? Dieser Frage geht sein Urenkel Cord C. Troebst auf 300 Seiten nach.

„Gelehrter zwischen Weimar und Moskau“ heißt der vielversprechende Untertitel des Buches. Dabei ist für Tröbst der Weg eines Gelehrten keineswegs vorgezeichnet. 1811 kommt er in Apolda als Sohn eines Nadelmachers zur Welt, das Jahr – wie Tröbst später selbst festhält –, in dem unter anderem Goethes Farbenlehre erscheint, der „Schneider von Ulm“ bei einem Flugversuch über die Donau abstürzt, Friedrich Mohs die Härteskala für Mineralien entwickelt und Friedrich Jahn in Berlin den 1. Turnplatz eröffnet.

Tröbst wächst in eher bescheidenen Verhältnissen auf, das Geld ist knapp. Und dennoch macht es der Vater möglich, dass der Junge das Großherzogliche Gymnasium in Weimar besuchen kann. Dennoch wären diese Ausbildung und auch das 1833 anschließende Theologiestudium in Jena nicht möglich gewesen, wenn sich nicht so mancher Gönner gefunden und Tröbst nicht sein schmales Taschengeld mit Nachhilfestunden bzw. Hilfslehrerstunden aufgebessert hätte. Nach seinem Studienabschluss 1836 bleibt Tröbst in Jena, verdient sich seinen Unterhalt als Lehrer an zwei Instituten und als Hilfsgeistlicher. Viel Arbeit für wenig Lohn – und doch scheint er ganz genau zu wissen, was er will: Ein aussichtsreiches Stellenangebot in Ostthüringen lehnt er ab und promoviert 1838 zum Dr. phil.

Ein anderes Angebot hingegen nimmt er an: Im April 1840 unterschreibt er den Vertrag als Hauslehrer in der Familie des russischen Generals Schöppingk, im Juni reist er nach Moskau ab. Nach wenigen Monaten im Hause Schöppingk wechselt er zur Familie Soymonoff. Hier findet er auch die große, aber verbotene und unglückliche Liebe, die ihn schließlich nach fünf Jahren zur Rückkehr nach Weimar zwingt.

Wieder in Thüringen angekommen, nimmt Tröbsts Karriere ihren Lauf: vom Lehrer am Herzoglichen Gymnasium ‚bringt‘ er es bis zum Direktor des neuen Realgymnasiums. Als Mitglied der Weimarer Freimaurerloge „Anna Amalia zu den drei Rosen“ und verschiedener Vereine fasst Tröbst schnell in der Weimarer Gesellschaft Fuß: „Von den vielen Persönlichkeiten Weimars kennt er die meisten persönlich – und auch er selbst ist zu Lebzeiten so gut wie jedem Bewohner der Stadt bekannt.“(S. 212). 1850 heiratet er Anna Elisabeth Motz aus Bad Salzungen, zieht mit ihr zwei Söhne und so manchen Pensionär groß und verbringt seine Ferien unter anderem in seinem zweiten Haus im Kurort Tabarz. Selbst seine „russische“ Liebe lässt sich nach mehr als 20 Jahren Pause in dieses Leben integrieren.

Als Tröbst 1888 im Alter von 79 Jahren stirbt, hinterlässt er der Nachwelt aber mehr als zwei Häuser, eine Münz-, Mineralien- und Briefmarkensammlung. Seine umfangreiche Korrespondenz mit zahlreichen Gelehrten seiner Zeit, wie zum Beispiel dem Ornithologen Ludwig Brehm (Vater von Alfred Brehm), dem Germanisten Oskar Schade oder dem Philologen und Märchenforscher Jacob Grimm, dem älteren der berühmten Gebrüder, zeugt davon, wie gut Tröbst in alle Richtungen der Wissenschaft vernetzt war. Außerdem war und ist er als Übersetzer von Puschkins „Die Hauptmannstochter“ und als Verfasser zahlreicher naturwissenschaftlicher Schriften bekannt. All dies hat Cord C. Troebst über Jahre zusammengetragen und nun zum ersten Mal der Öffentlichkeit zugänglich gemacht.

Wahrlich, dies ist eine Geschichte, die aus unterschiedlichsten Perspektiven erzählt werden kann, die uns mehr über das Gelehrten- und Sozialleben zur Zeit Tröbsts zu verraten vermag; eine Biografie, die Einblicke gestattet, wie kultureller Austausch im Europa des 19. Jahrhundert stattfand und wo er an seine Grenzen stieß, welche Kommunikationsstrukturen man damals wählte und wie Migration funktionierte bzw. nicht funktionierte. All diese Themen schwingen mit im Titel des Buches und sie blitzen stellenweise immer auf. Man merkt, dass Cord C. Troebst mehr liefern will, als eine bloße Lebensgeschichte, er möchte Tröbst einbetten in das Gesamtbild seiner Zeit. Doch hier macht ihm die ausschließlich chronologisch und kleinteilig angelegte Struktur des Buches einen Strich durch die Rechnung – und deshalb lässt das Buch wahrscheinlich nicht nur einen Lesertypus unbefriedigt zurück. Wer einfach Tröbsts Lebensgeschichte erfahren möchte, ist genervt von den oft völlig unvermittelt eingefügten und teilweise irrelevanten Zusatzinformationen, wer an den größeren Zusammenhängen interessiert ist, muss sich mit eingestreuten, mehr anektodenhaften Schnipseln oder seitenlangen Briefauszügen abspeisen lassen. Dafür dominiert die Liebesgeschichte dieses Buch, ohne dass Titel oder Klappentext angemessen auf diesen Umstand verweisen. Also wird der eine Leser wohl so manche Seite einfach überblättern und der andere wohl nun in den Bibliotheken nach ergänzender Literatur suchen. Es drängt sich die Vermutung auf, dass dem Verfasser und dem Verlag am Ende die nötige Zeit gefehlt hat, um aus der Fülle des Materials ein richtig gutes Buch zu machen.

Leider verstärken einige kleine Mängel diesen Eindruck: Warum wird der Name Gottlob Tröbsts durchgängig mit GT abgekürzt? Fehlte der Platz, die Zeit oder schlicht die Liebe zum Text? Durch ein gründlicheres Lektorat und Korrektorat hätte sich sicher auch so mancher Tippfehler und Zahlendreher noch ausmerzen lassen. Und statt des Schutzumschlages wäre ein Lesebändchen wesentlich praktikabler gewesen.

Das unbestreitbare Verdienst des Autors, ist es, dass er uns eine Figur der Thüringer, ja der europäischen Kulturgeschichte zurückgegeben hat. Allein die Art der Darstellung wird dem Anspruch des Autors nicht gerecht. Schade, hier wurde ein kleiner Wissensschatz zu leichtfertig verschenkt.

Cord C. Troebst: Gottlob Tröbst. Gelehrter zwischen Weimar und Moskau. Weimar: Weimarer Verlagsgesellschaft 2011, 320 Seiten, 28 €, ISBN 978-3-939964-30.

 

Zum Autor: Stefanie Kießling, Lektorin und wissenschaftliche Koordinatorin ist Vorstandsmitglied der Gesellschaft Kulturerbe Thüringen e.V.

Ein Kommentar (+deinen hinzufügen?)

  1. matheomoreau
    Jun 28, 2013 @ 11:10:04

    Hat dies auf Moreau's multae artes rebloggt und kommentierte:
    Meine Kollegin und Mitstreiterin bei der Gesellschaft Kulturerbe Thüringen e. V., Stefanie Kießling, hat über eine neue Biographie des Universalgelehrten Christian Gottlob Tröst eine Rezension verfasst.

    Stefanie ist als studierte Germanistin Lektorin, wissenschaftliche Koordinatorin und Vorstandsmitglied der Gesellschaft Kulturerbe Thüringen e.V.

    Antworten

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