Wiederentdeckt – Erasmus Reinhold d.Ä.

Zeitgenosse der Reformatoren. Interpret des heliozentrischen Weltbildes

von Maximilian Gränitz

Prutenicae Tabulae Coelestium Motuum (Sächsische Landesbibliothek - Staats- und Universitätsbibliothek Dresden, Astron.296; http://digital.slub-dresden.de/id273850342)

Erasmus Reinhold: „Preußische Tafeln“ 1551 (Titelblatt des Ex. der SLUB Dresden; Sign.: Astron.296, Digitale Sammlg.)

Vielen interessierten Mathematikern und Astronomen ist der 1511 in Saalfeld geborene Erasmus Reinhold ein Begriff. Seit 1530 studierte er an der Universität Wittenberg und wurde 1535 Magister der sieben freien Künste. Er identifizierte und beschrieb eine große Anzahl von Sternen.

Reinhold hatte in den Jahren 1544 bis 1549 neue Bahnelemente auf Grund der Beobachtungen von Hipparch, Ptolemäus und Kopernikus abgeleitet und damit Tafeln zur bequemen Berechnung der Himmelsvorgänge, also der genauen Standorte von Sonne, Mond und den Planeten, hergestellt. Diese Tafeln eigneten sich gut für Vorausberechnungen; sie waren weit verbreitet. Reinhold versah sie mit einer langen Erklärung und nannte sie Preußische Tafeln (Prutenicae Tabulae Coelestium Motuum) zu Ehren von Herzog Albrecht von Preußen, dessen Hauptstadt Königsberg er zum Bezugsort seines Ortsverzeichnisses machte. 1582 wurden die Berechnungen des Nikolaus Kopernikus und die Preußischen Tafeln zur Grundlage für die Gregorianische Kalenderreform genutzt.

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„Gründlicher und Warer Bericht. Vom Feldvermessen […]“ 1574. (Titelblatt des Ex. der SLUB Dresden; Sign.: Geodaes.33.mn,misc.2, Digitale Sammlg.)

Der für seine penibel kontrollierten Messergebnisse bekannte Reinhold verfasste überdies den Gründlichen und waren Bericht. Vom Feldmessen, den sein Sohn Reinhold d. J. posthum 1574 veröffentlichte und um eigene Arbeiten ergänzte.  Angeblich reiste der damals bedeutendste dänische Astronom Tycho Brahe nur darum 1575 nach Saalfeld.

Erasmus Reinhold d. Ä. verstarb im Februar 1553 an einem Lungenleiden. Philipp Melanchthon bringt in einem Brief an Caspar Aquila vom 09. Mai 1553 seine Trauer zum Ausdruck:

„Alle Gelehrten des Landes trauern um den Tod von Erasmus, dieses äußerst gelehrten und vollkommen untadligen Mannes, der wegen seiner wahren Frömmigkeit ein gottesfürchtiger Mensch war. Durch seine Studien hat er uns sehr genützt, und seine Arbeit wird auch in Zukunft noch sehr nützlich sein. Ich vermisse ihn wegen seiner familiären Nähe und wegen des fruchtbaren Gedankenausstausches auf dem Gebiet des Glaubens. Ich trauere sehr, weil mir ein solcher Freund und Kollege genommen worden ist.“ (Corpus Reformatorum, Bd. 8., S. 89; Übersetzung nach G. Betsch)

Zur 460. Wiederkehr seines Todes ist es angebracht, auf den Umgang Erasmus‘ mit dem revolutionären Weltbild des Kopernikus hinzuweisen. Während er 1863 vom Physiker Johann Poggendorf  „einer der ersten Anhänger des Copernicanischen Systems“ bezeichnet wird, so ist Reinhold doch mehr als ein Anhänger oder Verfechter. Owen Gingerich fand 1970 im Royal Observatory in Edinburgh ein Exemplar des Erstdrucks von Kopernicus‘ De revolutionibus orbium coelestium (Nürnberg, 1543) aus Reinholds Besitz, das Reinhold kurz nach dem Erscheinen des Buches durchgearbeitet und mit vielen Randbemerkungen versehen hatte. Gingerich bemerkt dazu in etwa:

‚Was Kopernikus‘ Abhandlung angeht, so ignorierte er [Reinhold, Anm. d. Verf.] die neue heliozentrische Kosmologie und vertiefte sich eher in fachliche Fragen wie die Bewegung des Mondes (der in jedem vorher beschrieben Weltbild um die Erde kreiste) und der des langsam-präzisen Sternenhimmels. Die markierten oder eben nicht markierten Stellen in Kopernikus De revolutionibus beweisen diese Tatsache.‘

Und an anderer Stelle:

‚Die Anmerkungen [Reinholds] im Buch vernachlässigen das von Kopernikus beschriebene  unorthodoxe-heliozentrische Weltbild und können eher als eine mathematische Übung ohne physischen Bezug intepretiert werden.‘

Erasmus Reinhold kopierte also keinesfalls die Ideen des Kopernikus, sondern sah sie als eine von vielen mathematischen Theorien zur Himmelskörpervermessung an; er entwickelte ein auf Kopernikus zwar basierendes, aber trotzdem eigenständiges System. Es ist somit gerechtfertigt, ihn als Bindeglied zwischen Kopernikus, der die Sonne in die Mitte des Universums stellte, und Johannes Kepler, der die Planetenbewegungen zu elliptischen konkretisierte, zu bezeichnen. Letzterer schreibt später über Reinhold:

"Preußische Tafeln"

Erasmus Reinhold: „Preußische Tafeln“ 1551 (Ex. der SLUB Dresden; Sign.: Astron.296, Digitale Sammlg.)

„[…] Erasmus Reinhold. Der Mann, der von Haus mit allem im Bereich der Wissenschaft ausgestattet war, brachte vor allem die mathematischen Künste hervor; bewundernswert war seine Klarheit und Einfachheit in komplizierten Dingen. Er übernahm die Tafeln des Copernicus, um ihnen eine neue Ordnung zu geben und fertigte die Preußischen Tafeln an, die er entweder nach dem Preußen Copernicus oder nach seinem Mäzen, dem Preußischen Herzog, benannte.“ (Kepler: Tabulae Rudolphinae, Übers. nach G. Betsch)

So steht nun ein weiterer in Vergessenheit geratener, aber verdienstvoller Mann in der Reihe mit anderen Thüringer Berühmtheiten. Erasmus Reinhold d.Ä. schuf ein wichtiges Erbe für die Thüringer Geschichte, welches wir mit Dankbarkeit und Ehrfurcht bewahren.

Zum Weiterlesen:

… an Vollkommenheit überlegen: die preußischen Tafeln. Erasmus Reinhold, Vater und Sohn. Saalfeld: Erasmus-Reinhold-Gymnasium Saalfeld 2005.

G. Betsch: Erasmus Reinhold 1511–1553. In: Virtuelles Museum der Mathematik (Universität Halle-Wittenberg) 2001 (Onlineressource).

Nicolaus Copernicus: Über die Kreisbewegungen der Weltkörper. Akademie Verlag, Berlin 1959.

Gingerich, Owen: The Great Copernicus Chase and other Adventures in astronomical history. Cambridge: CUP 1992.

Zum Autor: Maximilian Gränitz studiert Germanistik und Philosophie an der Friedrich-Schiller-Universität Jena und ist Mitglied der Gesellschaft Kulturerbe Thüringen e.V.

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