„ … und eh man wehren kann, ist unser Kopf des Herzens nicht mehr mächtig.“

Zum 200. Todestag des Wortkünstlers und „felix aestheticus“ Christoph Martin Wieland

von Maximilian Gränitz

Christoph_Martin_Wieland_1733-1813

Christoph Martin Wieland (1733–1813), Porträt von F. Jagemann (Public Domain)

„So sehr auch jederzeit sein Blick auf das Irdische, auf die Erkenntnis, die Benutzung desselben gerichtet schien — des Außerweltlichen, des Übersinnlichen konnte er doch, als ein vorzüglich begabter Mann, keineswegs entbehren.“

Johann Wolfgang von Goethes Rede in der Trauerloge „Amalia“ in Weimar feiert den Ältesten des klassischen Viergestirns von Weimar als einen sinnlichen und tüchtigen Schriftsteller. 1733 im schwäbischen Biberach geboren, schrieb er in der Kindheit erste lateinische und deutsche Verse und hatte kurz darauf das Gros der römischen Klassiker gelesen. Am pietistischen Internat und während des Philosophiestudiums in Erfurt entwickelte sich Wieland zu einem Verehrer der Aufklärer Frankreichs. Die Liebe zur Cousine Sophie von La Roche, die er im väterlichen Haus kennenlernte, regte ihn zu seinem ersten größeren Gedicht an, welches 1752 anonym veröffentlicht wurde: „Die Natur der Dinge. Ein Lehrgedicht in 6 Büchern.“ Bis 1760 war er in Zürich und Bern als Hauslehrer tätig und lernte dort die Dichter Bodmer, Breitinger und Gessner kennen. Auf das herzlichste empfangen, wohnte er eine Weile bei Bodmer als dessen Schüler und wirkte mit an der neuen Herausgabe der 1741 erschienenen „Züricherischen Streitschriften“ Sein Gedicht „Briefe von Verstorbenen an hinterlassene Freunde“ von 1753 zeugt von seinen schwärmerisch-religiös geprägten dichterischen Versuchen der Schweizer Zeit:

Mitten in Seligkeiten, die mir mit Engeln gemein sind,
Naeher der Gottheit, und nie von der schoenen ruhe geschieden,
Deren schatten, den sie vom Olymp auf die Erde herabvvirft,
Die betrogne begierde der eiteln sterblichen locket,
Seh ich aus auen des friedens, aus Welten voll himmlischer schoenheit
Oft zur Erden herab, vvo mein glyck, das im strahle der Gottheit
Izt zur vollkommenheit reift, die ersten keime getrieben,
Wo noch der irrgang der zeit mir meine Geliebtesten aufhaelt.
(Zweiter Brief. Lucinde an Narcissa.)

Ein Jurastudium in Tübingen ab 1750 hatte er zugunsten der Literatur und poetischer Produktionen  vernachlässigt. Als er 1760 nach Biberach zurückkehrte und dort zum Kanzleiverwalter der Stadt ernannt wurde, vollzog sich ein Wandel. Wieland orientierte sich nun an den Vertretern der französischen Aufklärung, insbesondere Diderot und Voltaire; er wurde zum heiter-skeptischen Freigeist. Schon das Trauerspiel „Lady Johanna Gray“ (1758) – als erstes deutsches Drama in Blankversen – begrüßte Gotthold Ephraim Lessing mit der Bemerkung, Christoph Martin Wieland habe „die ätherischen Sphären verlassen und wandle wieder unter Menschen“. Durch seine Aufnahme in den Kreis des Grafen Stadion im Schloss Warthausen vollendete sich Wielands „Bekehrung“ zum Weltlichen, was auch folgende Äußerung verrät:

Nicht Liebe und Geist, sondern Geld und Verstand herrschen in der Welt,
ja wer mit den Idealen wirklich Ernst macht, ist sicher, elend zu werden.

Nun begann die Epoche seiner schriftstellerischen Tätigkeit, die seinen Ruhm und seine Bedeutung für die deutsche Literatur begründete. Seine Werke lassen deutlich Einflüsse von Cervantes, Laurence Sterne und den neuen Romantechniken Henry Fieldings  erkennen. Christoph Martin Wieland wird somit in der Literaturwissenschaft als Entwickler des Historischen Romans bezeichnet. Auf Drängen seiner Familie heiratete er 1765 eine Augsburger Kaufmannstochter, Anna Dorothea von Hillenbrand, mit der er 13 Kinder hatte. 1766 vollendete er seine Arbeit an der Übersetzung der Dramen Shakespeares; er sollte damit das Theaterleben in Deutschland nachhaltig beeinflussen, da eben durch seine Übersetzungen die englische Literatur, jene aus der Zeit des Elisabethanischen Zeitalters, popularisiert wurde. Mit seinen Dichtungen „Musarion, oder die Philosophie der Grazien“ und „Idris“ (beide 1768) verkündete Wieland eine neue Weltanschauung der heiteren Sinnlichkeit, der Weltfreude und des leichten Anmuts.

Um wie viel mehr als Helden, Weltbezwinger,
Ist der ein Held, ein Halbgott, kaum geringer
Als Jupiter, der tugendhaft zu sein
Sich kühn entschließt; dem Lust kein Gut, und Pein
Kein Übel ist; zu groß, sich zu beklagen,
Zu weise, sich zu freun; der jede Leidenschaft
Gefesselt an der Tugend Wagen
Befestigt hat und im Triumphe führt;
Den alles Gold der Inden nicht verführt,
Den nur sein eigener, kein fremder Beifall rührt,
Kurz, der in Phalaris durchglühtem Stier verdärbe,
Eh er ein Diadem in Phrynens Arm erwärbe.

Musarion

Musarion oder die Philosophie der Grazien. Titelblatt 1768 (Foto: Thomoesch, Public domain)

Der Ausschnitt aus dem „Musarion“ zeigt die für den Schriftsteller typische Witz-Ästhetik, praktiziert aber auch einen latenten Skeptizismus: Alles, was fundamentalistischen Charakter hat, sprich Systemphilosophien,  wird ironisiert. Bedeutet in der Handlung: Pharias, ein junger Grieche, verliebt sich in eine durch Geist und Schönheit ausgezeichnete Dame namens Musarion. Da seine Liebe eines Tages beschwerlich-phantastische Formen annimmt, zieht er sich mit seinen beiden Freunden, mit Theophron, dem Pythagoreer, und mit Kleanth, dem Stoiker, in eine Hütte auf dem Land zurück. Musarion jedoch sucht ihn auf und veranstaltet ein Gelage für die drei Männer. Pharias gibt im  Delirium seine wahren Bedürfnisse preis und fasst  ganz nach dem Sinn der Musarion den Entschluss, sich in der Stille dem Genuss erreichbarer irdischer Güter zu widmen.  Trotz Wielands Wandel weg vom träumerischen Verehren des Göttlichen finden sich  in seinen Werken stets ästhetische und anmutige Bilder der griechischen Mythologie. Hier werden in  Abständen von wenigen Zeilen immer wieder griechische Helden, Gestalten und Geschichten in Form von Gleichnissen zitiert. Das Musarion wird in heutigen Ausgaben selbstverständlich mit einer großen Zahl Lemmata zu Personen usw. herausgegeben; die andauernde Kontrolle der teils schwer verständlichen Namen und Redewendungen macht somit die Lektüre für den ungeübten Rezipienten heute mühsam.

Christoph Martin Wielands Erfolg tat dies seinerzeit keinen Abbruch: 1769 wurde er an die Universität Erfurt und 1772 als Prinzenerzieher an den Weimarer Hof berufen. 1773 gründet er nach französischem Vorbild die Zeitschrift „Der Teutsche Merkur“, dessen Redaktion er von 1773–1789 führte. Dort  ließ er die eigenen dichterischen Arbeiten erscheinen, neben denen er auch eine ausgebreitete literaturkritische Tätigkeit übte, die sich lange Zeit hindurch auf fast alles erstreckte, was für die literarische Welt von Bedeutung war; der Lebensunterhalt war nun durch eine lebenslange Pension des Hofes gesichert. Nach dem Amtsantritt des jungen Weimarer Herzogs zog er sich von öffentlichen Ämtern zurück und widmete sich ganz seiner schriftstellerischen Arbeit als Kritiker, Aufklärer und Übersetzer.  Die Gesellschaftssatire „Geschichte der Abderiten“, das romantische Gedicht „Oberon“, die poetischen Erzählungen „Das Wintermärchen“, „Geron der Adlige“, „Schach Lolo“, „Pervonte“ u.a., entstanden in Weimar und geben Zeugnis für seine schöpferische Vielfalt.

Eine Gesamtausgabe der bis 1802 erschienenen Werke hatte Wieland erlaubt, das Gut Oßmannstedt bei Weimar anzukaufen. Hier verlebte der Dichter ab 1798 im Kreise der großen Familie einige glückliche und produktive Jahre. Der Tod seiner Gattin 1800 und die finanzielle Belastung durch das Gut bewogen ihn, das Gut 1803 zu veräußern und wieder nach Weimar zu ziehen. Dort gehörte er dem Kreis der Herzogin Anna Amalia bis zu deren Tod an. In seiner Zeitschrift „Attisches Museum“ veröffentlichte er unter anderem vier von ihm übersetzte Komödien von Aristophanes und zwei Tragödien des Euripides.  Am 20. Januar 1813 starb er an den Folgen einer Erkältung.

Seinem Wunsch gemäß wurde er im Schlossgarten von Oßmannstedt neben seiner Frau begraben. Die Inschrift des Grabsteines ist ein Distichon und lautet:

 Liebe und Freundschaft umschlang die verwandten Seelen im Leben
und ihr Sterbliches deckte dieser gemeinsame Stein.

Wielandgut Oßmannstedt – Gutshaus mit Delphinenbrunnen (Foto: Hiuheng, GFDL via Wikimedia Commons)

Der von Napoleon Bonaparte als „deutscher Voltaire“ bezeichnete Christoph Martin Wieland gilt mit seinem Werk „Geschichte des Agathon“ als Begründer der Tradition des deutschen Bildungsromans. Nach einer pietistischen Phase der Schwärmerei entwickelte er sich zu einem der einflussreichsten Schriftsteller der Aufklärung. Seine in Weimar entstandenen Horaz- und Lukian-Übersetzungen sind bis heute von Bedeutung. Stilsicher geschmeidige Wortkunst und abgewogene denkerische Klugheit – Paradebeispiele der Aufklärung – machen Wieland zu einem der wirksamsten deutschen Dichter.

Zum Autor: Maximilian Gränitz studiert seit 2012 Germanistik und Philosophie an der Friedrich-Schiller-Universität Jena und ist Mitglied der Gesellschaft Kulturerbe Thüringen e.V.

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