Rückschau: Das Kleist-Jubiläum 2011 in Meiningen

Die Theaterstadt ehrte den „maßlosesten“ Dichter des 19. Jahrhunderts

von Florian Beck

Heinrich von Kleist (©Bild: Meininger Museen/Theatermuseum)

„[…] wer das Käthchen liebt, dem kann die Penthesilea nicht ganz unbegreiflich sein, sie gehören ja wie das + und – der Algebra zusammen, und sind ein dasselbe Wesen, nur unter entgegengesetzten Beziehungen gedacht.“ (Kleist an Heinrich Joseph von Collin, 8. Dezember 1808). Bereits vor dieser berühmten Aussage Kleists über seine beiden einzigartigen Damenheldinnen kommt der Dichter auf die Nähe der beiden Figuren zu sprechen: „[…] das [Käthchen, F.B.] ist die Kehrseite der Penthesilea, ihr anderer Pol, ein Wesen, das ebenso mächtig ist durch gänzliche Hingebung, als jene durch Handeln.“  (Kleist am Marie von Kleist, Spätherbst 1807). In Heinrich von Kleist verband sich alle Maßlosigkeit: das + und –, das Fühlen, das Handeln sowohl von Käthchen als auch von Penthesilea.

Am 21. November 1811 beging der zu Lebzeiten so verkannte Dichter am Stolper Loch (heute: Kleiner Wannsee) bei Berlin Selbstmord. Doch er richtete die Waffe nicht nur gegen sich selbst, er nahm auch Henriette Vogel mit in den Tod, nachdem sie beide in der Nähe von „Stimmings Krug“ noch Kaffee getrunken hatten. Selbst hier, im Suizid, zeigt sich Kleists Maßlosigkeit: das alleinige Sterben reichte ihm nicht, vorher wurde er zum Mörder. Die neuere Forschung verweist gerne darauf, dass Henriette Vogel krebskrank gewesen sei und versucht Kleist im Sinne der modernen Sterbehilfe zu entlasten. An den Tatsachen ändert diese Deutung nichts: Vor dem Selbstmord stand der Mord beziehungsweise das Töten auf Verlangen.

Zum 200. Jubiläum dieser Tat, begingen die sogenannten Kleiststädte – hier seien besonders Berlin, Frankfurt/Oder und Dresden genannt – ihre Kleistjubiläen. Doch auch fernab dieser vielbegangenen Kleistpfade wurde dem Dichter gedacht, wie in der kleinen thüringischen Stadt Meiningen, heute bekannt durch das Meininger Theater und die Meininger Museen.

Kleist und Meiningen

Warum wurde Kleist gerade hier gedacht? Bisher zählte Meiningen nicht unbedingt zum elitären Zirkel der Städte, die sich Kleiststädte nennen dürfen. Der Grund für das hier begangene Jubiläum liegt auch weniger in des Dichters Lebens, als vielmehr in der Rezeption seiner dramatischen Werke. Diese Rezeption erlebte in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts am Meininger Hoftheater ihren Höhenpunkt. Niemand Geringerer als Herzog Georg II. selbst zeichnete sich hierfür verantwortlich. Unterstützt wurde der de facto Theaterleiter Georg durch seine dritte Frau, Helene Freifrau von Heldburg. Ihr, die mit bürgerlichen Namen Ellen Franz hieß und Schauspielerin von Beruf war, wurde kurz vor der Hochzeit der Adelstitel angetragen, damit der Schein der standesgemäßen Hochzeit gewahrt wurde. Der zweite wichtige Verbündete Georgs war sein Regisseur und späterer Hoftheaterintendant, der unermüdlich arbeitende Ludwig Chronegk. Wie Ellen Franz, war auch er Schauspieler gewesen. Dieses Triumvirat schrieb sich das Voranbringen des Meininger Hoftheaters auf die Fahnen. Neben den heutigen Klassikern, Schiller, Shakespeare, Grillparzer und ebenjenem Kleist, brachten sie auch zeitgenössische Autoren auf die Bühne, unter anderem Ernst von Wildenbruch, Arthur Fitger, Pius Alexander Wolf und Albert Lindner.

Meiningen ehrte 2011 Kleist und dessen Rezeption in zwei Ausstellungen. Zum einen mit einer Werkschau aller Kleist’schen Dramen, die in Meiningen inszeniert wurden. Der Titel lautet: „Ein literarischer Außenseiter tritt ins Rampenlicht – Jubiläumsausstellung zum 200. Todestag von Heinrich von Kleist“ (15. Mai 2011–1. November 2011). In der ehemaligen herzoglichen Reithalle, dem heutigen Theatermuseum, war die andere Ausstellung zu sehen. Diese befasste sich eingehend mit der Inszenierung des „Käthchen von Heilbronn“, die 1876 in dieser Form erstmals aufgeführt wurde. Neben dem Bühnenbild, beinhaltete die Schau mit dem Titel „Malerischer Sinn und historische Wirklichkeit – Heinrich von Kleist: Das Käthchen von Heilbronn“ (20. Februar 2011–15. Januar 2012) auch originale Kostüme, Skizzen, die von Herzog selbst angefertigt wurden, Autographen, verschiedene Rollenbücher und Theaterzettel des Stückes.

Malerischer Sinn und historische Wirklichkeit – Heinrich von Kleist: Das Käthchen von Heilbronn

Vor der Szene kommt der Film:  Ein circa 22-minütiger Film führte die Besucher in die Meininger Theatertradition ein – vom Beginn des Theaterbaus, über dessen Einweihung 1831, bis in die Zeit der DDR, in der sich das Meininger Theater als Brechtbühne hervortat. Das Hauptaugenmerk liegt jedoch auf der Regierungszeit Herzog Georgs II. (1866–1914), der nicht ohne Grund den Beinamen „Theaterherzog“ verliehen bekam. Es wird dargestellt, wie sich die Meininger Theaterszene sofort nach dessen Regierungsantritt veränderte und sich der „Meininger Stil“ herausbildete. Ein Inszenierungsstil, bei dem der Dichter wieder ins rechte Licht gerückt wurde und bei dem die Worte des Dichters gegenüber der damaligen Aufführungspraxis wieder mehr Gewicht bekamen. Dies beinhaltete, dass der Text keinen willkürlichen Streichungen des Regisseurs unterlag. Auf der anderen Seite war aber auch der Regisseur nach den „Meininger Prinzipien“ der uneingeschränkte Herrscher auf dem Theater. So nimmt es nicht Wunder, dass das Regietheater in Deutschland in einem kleinen Duodezfürstentum wie Meiningen zum Durchbruch kam. Ein anderer wichtiger Punkt der Meininger Inszenierungen war der konsequente Historismus einhergehend mit einer immensen Detailtreue der Requisiten. Die Zeit, in der das Stück spielte, sollte dem Zuschauer durch die perfekte Illusion so realistisch und plastisch wie nur möglich gemacht werden. Dies führte soweit, dass der Herzog extra historische Stoffe für die Kostüme kaufen ließ, wie sie zur Handlungszeit des Dramas üblich waren. Neben diesen ästhetischen Entwicklungen werden aber auch ganz profane Probleme gezeigt, die sich während der Reiseperiode (1874–1890, insgesamt 81 Gastspielreisen von London im Westen Europas bis nach Odessa und St. Petersburg im Osten) ergaben. So mussten zum Beispiel sämtliche Requisititen und Bühnenbilder in Eisenbahnwaggons verladen werden, hierfür und für andere organisatorische Meisterleistungen zeigte sich Ludwig Chronegk verantwortlich.

Bühnenbild Festlicher Schlossplatz, auch Turnierszene genannt (© Bild: Meininger Museen/Theatermuseum)

Nun zur Szene, dem beindruckenden Bühnenbild „Festlicher Schlossplatz“, in Meiningen „Turnierszene“ (Beginn Akt fünf) genannt, aus der Werkstatt der Coburger-Theatermaler Brückner: Hier bekamen die Besucher eine Licht-Musik- Installation zu sehen beziehungsweise zu hören. In das Bühnenbild wurden verschiedene Lichter und Farben projiziert, die, unterlegt mit Musik und Klängen, den Verlauf des kompletten fünften Aktes imitieren sollten: vom Beginn des Zweikampfes zwischen dem Schmied Theobald Friedeborn mit Graf vom Strahl, über die Beichte des Kaisers, dass Käthchen seine Tochter sei, bis hin zum Ende des Dramas, die Heirat zwischen vom Strahl und Käthchen. Abgerundet wurde die Ausstellung durch einige Kostüme sowie – im oberen Geschoss des Theatermuseums – durch verschiedene Exponate, unter anderem den Rollenbüchern verschiedener Figuren, den Theaterzetteln aus verschieden Epochen der Inszenierung, oder durch Arrangementsskizzen und detailreiche Figurinen aus der Hand des Herzogs.

Ein literarischer Außenseiter tritt ins Rampenlicht – Jubiläumsausstellung zum 200. Todestag von Heinrich von Kleist

Während sich die oben beschriebene Ausstellung mit einem dramatischen Werk Kleists genauer beschäftigte, nahm diese Schau das gesamte Repertoire der Kleistwerke in den Blick, das in Meiningen auf die Bühne gebracht wurde. Neben den beiden großen Gastspielinszenierungen „Die Hermannsschlacht“ und „Prinz Friedrich von Homburg“, wurden auch Exponate zu Werken gezeigt, die im Repertoire der Meininger weniger Berühmtheit erlangten, wie „Der zerbrochne Krug“, „Die Familie Schroffenstein“, „Amphitryon“ und „Penthesilea“. Doch nicht nur die Dramen Kleists wurden in Meiningen zur Aufführung gebracht, auch die Dramatisierungen der beiden Novellen „Michael Kohlhaas“ und „Der Findling“ wurden dargeboten.

Zu den Exponaten, die dafür erstmals aus den Depots geholt wurden, gehören unter anderem Schwerter und Schilde, die der Herzog exakt nach dem Buch „Das Gräberfeld von Hallstadt“ von Eduard von Sacken hatte anfertigen lassen. Es wurde wieder in streng historistischer Manier verfahren, denn auch der Schmuck und die Musikinstrumente, die Georg skizzierte, orientierten sich sehr stark an den archäologischen Funden aus Hallstadt. Diese differenzierte, wissenschaftliche Vorbereitung wurde auch dadurch sichtbar, dass zum Beispiel das Interieur von Hermanns Haus so exakt wie möglich nach den originalen Funden kopiert wurde – sei es ein Bärenfell, ein Tisch, oder sein Thron. Auch von dieser Inszenierung sind noch einige Theaterzettel, Rollenbücher und Figurinen erhalten, die einen sehr guten Eindruck davon vermitteln, was das Theaterverständnis des Meininger Triumvirates war und wie es sich dadurch für die Nachwelt wiederspiegelt. „Die Hermannsschlacht“ wurde zwischen 1875 und 1890 insgesamt 101-mal aufgeführt und gilt somit als erfolgreichste Kleistinszenierung jener Epoche.

Herzog Georg II.: Figurine Prinz v. Homburg (© Bild: Meininger Museen/Theatermuseum)

„Prinz Friedrich von Homburg“ hingegen war mit nur 38 Aufführungen zwischen 1878 und 1881 rein quantitativ die schwächste Meininger Kleistinszenierung. Dies lag jedoch weniger an der so typisch detailgenauen und innovativen Art der Kostüme, Dekorationen und Arrangementsskizzen. So schrieb der Herzog über die Schlachtenszene bei Fehrbellin:

Während der Scene beginnt das Dorf, an dem die Schweden mit ihrem Centrum stehen, zu brennen. Es ist dies [das Brennen F.B.] der auf der Skizze angedeutete Rauch, der wohl transparent darzustellen ist (oder durch einen elektrischen Reflex).

Mit diesen Effekten wollte man das Publikum für sich gewinnen und die Schlacht so real wie möglich aussehen lassen. Der mangelnde Erfolg lag weniger an der Besetzung der Hauptrolle. Den Prinzen spielte niemand  geringeres als Joseph Kainz, dem damit sein Durchbruch gelang und später einer der gefeiertsten Bühnenschauspieler seiner Zeit werden sollte. Er, wie auch der Herzog, seine Frau und Ludwig Chronegk verstanden den Prinzen nicht als einen preußischen Haudegen, der blindwütend in den Kampf zieht. Kainz gab dem somnambulen Prinzen eine moderne Färbung, in der seine Angst vor dem Tode und seine Verzweiflung greifbar wurden. Dem Publikum und vor allem den Rezensenten war allerdings dieser Prinz, wie ihn auch der Dichter sah, zu weich und zu weinerlich, so konnte man bei einem Rezensenten lesen: „er [Kainz, F.B.] spielte zu sehr für die Frauen“. Nach Kainz Weggang aus Meiningen versuchte man die Rolle mit Arthur Kraussneck und später mit Franz Nachbaur zu besetzen, während man bei der modernen Färbung der Rolle blieb. Beide waren nicht imstande, die von Kainz gerissene Lücke adäquat zu schließen.

Mit diesen beiden Ausstellungen zu Kleist und seiner Rezeption am Ende des 19. Jahrhunderts unternahmen die Meininger Museen den Versuch, zum einen den Dichter zu ehren und zum anderen auf die große Vergangenheit, Tradition sowie Innovation des Meininger Hoftheaters unter Herzog Georg II. begreifbar zu machen.

Zum Weiterlesen

Das Käthchen von Heilbronn am Meininger Hoftheater. Texte: Volker Kern, Redaktion: Anke Tanzer, 98 S. Heilbronn 1997. ISBN 3-931060-28-4.

Heinrich von Kleist. Ein literarischer Außenseiter tritt ins Rampenlicht. Konzept, Redaktion, Bildauswahl, Redaktion: Volker Kern, 34 S. Meiningen 2011.

Zum Weiterschauen

Seit 01. November ist in den Meininger Museen die Sonderausstellung „Ludwig Chronegk – Schauspieler, Manager und Freund
Kabinettausstellung zum 175. Geburtstag“ zu sehen. Chronegk war seiner Zeit das, was wir heute als „Theatermacher“ bezeichnen würden. Zu sehen ist die Ausstellung in der Oberen Galerie des Schlosses Elisabethenburg noch bis zum 12. Mai 2013.

Informationen zum Museum

Theatermuseum „Zauberwelt der Kulisse“, Schlossplatz 2 
Di–So 10.00 – 18.00 Uhr
Vorführungen: Di–So 10.00, 12.00, 14.00, 16.00 Uhr und nach Vereinbarung

Zum Autor: Florian Beck studierte in Würzburg von 2007 bis 2012 Neuere Deutsche Literaturgeschichte, Deutsche Sprachwissenschaft und Neuere- und Neueste Geschichte. 2012 beendete er sein Magisterstudium mit seiner Arbeit zu „Kleists Dramen am Meininger Hoftheater unter Herzog Georg II.“ Zurzeit arbeitet er an einer Dissertation über die wechselseitige Beeinflussung der deutschen Kulturgeschichte und der Aufführungspraxis der Meininger.

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