Goethe und Anna Amalia

Das Buch über eine „verbotene Liebe“ ist nun in der 4. Auflage erschienen

von Ettore Ghibellino

2003 überraschte Ettore Ghibellino die Fachwelt und ein breites Publikum mit seinem Buch über den Weimarer Dichterfürsten und die Herzogin. Fünf Jahre nach Erscheinen der dritten Auflage liegt nun die vierte veränderte Auflage vor. Die Grundannahmen bleiben die gleichen, aber neue Erkenntnisse aufgrund anhaltender Forschung und lebhafter Diskussionen haben Eingang in die neue Auflage gefunden. Im Vorwort liefert Ghibellino einen breiten Überblick über die aktuelle Forschung und die Kontroversen, die er mit seinen Thesen vor fast 10 Jahren angestoßen hat. Wir dürfen Auszüge davon wiedergeben.

Dr. Gabriele von Trauchburg (Gingen an der Fils) hat die bisher wenig beachtete Korrespondenzen des Grafen und der Gräfin Görtz in den Beiträgen „Zwei verkannte Weimarer Schöngeister“ und „Wer war Gräfin Görtz?“ unter verschiedenen Gesichtspunkten untersucht. Darüber hinaus steuerte sie für diese Auflage viele unbekannte Exzerpte aus der Görtz-Korrespondenz bei, die einen einmaligen Blick auf Goethes erstes Weimarer Jahrzehnt erlauben. Diese erwähnen explizit die verbotene Liebe, etwa im Brief vom 10. Oktober 1776, in dem Gräfin Görtz an ihren Mann schreibt: „Man sagt, dass dies eine wahre Leidenschaft ist, diese Zuneigung der Mutter [Anna Amalia zu Goethe], und dass es niemals etwas Gleichartiges von ihrer Seite gegeben hätte.“ Dr. Jan Ballweg (Jena) kommt der Verdienst zu, als erster die Biographie von Josias von Stein in Angriff genommen zu haben, der bisher so gut wie unbeachtet geblieben war. Wegen der dürftigen Quellenlage musste eine immense Archivarbeit geleistet werden. In seinem Essay „Wer war Josias von Stein? Erkundungen über einen vermeintlich Abwesenden“ liefert Ballweg eine erste Darstellung der Persönlichkeit des vermeintlich Betrogenen, der, anders als bisher angenommen, als schillernder, fähiger Hofmann, der eines der wichtigsten Ämter im Herzogtum bekleidete und sich die Gunst von Carl August und Anna Amalia stets zu sichern wusste, hervortritt. Ein wichtiger Zugang zur verbotenen Liebe ist die „stumme Sprache“ der Kunst, derer sich Anna Amalia und Goethe bedienen, um ihre tragische Liebe mittels Gemälden, Skulpturen, Parkanlagen, Gebäuden, Partituren und vor allem in Goethes Liebesdichtung, die nach der hier vertretenen Auffassung ab seiner Ankunft in Weimar Anna Amalia galt, zu erzählen. Ilona Haak-Macht (Weimar) ist es mit „Der Ildefonso-Brunnen in Weimar: Auferstehung oder ein Grabmal der Liebe?“ zu verdanken, dass ein zentrales, bisher wenig beachtetes Kunstwerk im Zusammenhang der verbotenen Liebe gestellt werden konnte. Dadurch wurde es möglich, die Intention der heimlich Liebenden bei der Errichtung und Gestaltung des Römischen Hauses im Ilmpark sowie des Weißen Saals im Residenzschloss offenzulegen, was einer späteren Publikation vorbehalten bleibt.

Sehr bereichert wurde die interdisziplinäre Forschung durch die psychoanalytischen Studien von Prof. Dr. Hubert Speidel (Kiel). Kurt R. Eisslers monumentale psychoanalytische Sexualstudie über Goethes erstes Weimarer Jahrzehnt (1963) schmilzt in Speidels „Ist Eisslers ‚Goethe‘ Goethe?“ zu einer äußerst unwahrscheinlichen „dürftigen Sexualtheorie“ zusammen. Jedenfalls wurde in der psychotherapeutischen Praxis die plötzliche Heilung von einer schweren Sexualpathologie im 38. Lebensjahr, wie Eissler sie Goethe attestierte, bisher nicht beobachtet. Speidels weitere Studie „Auf dem Weg zu einem Psychogramm der Empfängerin von Goethes Liebesbriefen“ weist unabweisbar in Richtung Anna Amalia als der wirklichen Empfängerin. Darüber hinaus vermag die Studie die Rolle Charlotte von Steins plausibel zu verorten: Fürsorge in Goethes Junggesellenhaushalt und Schutz der verbotenen Liebe wird für Nähe zum geistig-politischen Zentrum sowie Sicherung der fürstlichen Gunst erbracht. PD Dr. Stefan Weiß‘ (Paris) Beitrag „Spionage in der Goethezeit“ – soweit ersichtlich der erste Beitrag zum Thema überhaupt – ist ein Meilenstein zum Verständnis, wie Goethes System der Abfassung und Zustellung der Liebesbriefe an die Geliebte funktioniert haben könnte. In „Anna Amalia und Goethe – Eine höfische Liebe. Herausforderung für Forschung und Lehre“ erfolgte eine Vertiefung und Erweiterung aus Sicht des Historikers. Weimar als Residenzstadt eines Herzogstums war eine hochkarätige Informationsbörse. Ein Blick auf die Provenienz der Hofgesellschaft, wohl repräsentativ für Residenzstädten überhaupt, bestätigt es: Von den 112 Angehörigen des Ur- und Briefadels stammten 42 aus Thüringen, die restlichen 70 aus nahezu allen Gebieten des Alten Reiches einschließlich Schottland, Belgien, Schweden und Italien. Goethe, als Minister auf höchster Staatsebene eingebunden, musste von Amts wegen wissen, welche Regeln beim Abfassen von heiklen Briefen zu beachten waren. Damit können viele, wenn auch nicht alle Widersprüche in Goethes Briefen erklärt werden. Goethe und Anna Amalia waren bei der Verschleierung ihrer Liebesbeziehung so raffiniert vorgegangen, dass der regierende Herzog Carl August mit all seinen Möglichkeiten keinen Verdacht schöpfte und erst davon erfuhr, als Goethe ihn in Karlsbad im Sommer 1786 in das Geheimnis einweihte.

Von Bedeutung sind weiter die literarisch-philosophischen Beiträge von Prof. Dr. Jochanan Trilse-Finkelstein (Berlin): „Anna Amalias Gestaltwerdung im Wort Goethes und beider Weltenentwurf – Das Weimarer Reform-Modell“ sowie „Goethe und Anna Amalia: Ein neues klassisches Liebespaar der Literatur und die absurd-humane Rolle der ‚Frau von Stein‘“. Im Letzteren berichtet Trilse-Finkelstein, der von 1959 bis 1966 in Weimar an der Heine-Säkular-Ausgabe mitwirkte, dass – man höre und staune – zu dieser Zeit eine heftige Diskussion um Goethes und Anna Amalias wirkliches Verhältnis entbrannt war – sie wurde aus kulturpolitischen Gründen bald unterdrückt. Goethes Lebensliebe durfte keine Fürstin aus altem Reichsadel sein, sie passte nicht ins kommunistische Weltbild der DDR; Christiane Vulpius, die unterprivilegierte Frau aus dem Volk, hatte als die ideologisch kongeniale Gefährtin des Dichterfürsten zu gelten. Demnach hat nicht nur die Monarchie, vielmehr auch die sozialistische Diktatur das Staatsgeheimnis gewahrt und vertieft. Bei Goethes erhaltenen Liebesbriefen müssen wir immer auch die Möglichkeit von Fälschungen mitdenken, von böswilligen Manipulationen. Man lese etwa Hermann Kantorowicz’ „Gutachten zur Kriegsschuldfrage 1914“, um sich einen Begriff davon zu machen, zu was Regierungen, Diplomaten, Verwaltungen oder Parlamente fähig sind. Das reicht von Propaganda bis zur Unterdrückung von Dokumenten, von Verbreitung von Unwahrheiten bis zu gefälschten Urkunden oder deren tendenziöse Redaktion wie auch der unwahren Darstellung von deren Inhalten. Die Zeit, die uns interessiert, kannte keine Parlamente. Die Staatsmacht lag im Wesentlichen bei der regierenden fürstlichen Familie, die in diesem Bereich schalten und walten konnte, wie sie wollte. Es sei an die generalstabsmäßige Säuberung der Archive in Weimar erinnert, allen voran das Verschwinden von Anna Amalias Briefschaften – so ist kein einziger offizieller Brief Goethes an Anna Amalia und umgekehrt aus dem ersten Weimarer Jahrzehnt erhalten.

Die junge Theorie fordert das tradierte Paradagima der Forschung um Goethe, Anna Amalia und Frau von Stein heraus. Zu Beginn wurde von Seiten der etablierten Goetheforschung der Theorie mit Schweigen begegnet, dieses ging allmählich in erbitterte Gegenwehr, Verleumdung und Herabsetzung des Verfassers über. Bisheriger Höhepunkt war die Veröffentlichung der anonymen Schrift „Goethe und Anna Amalia – Eine verbotene Liebe? Zum Versuch, eine neue Weimar-Legende zu begründen. Stellungnahme der Klassik Stiftung Weimar zu den Hypothesen Ettore Ghibellinos“ Ende Mai 2008 auf der Homepage der Klassik Stiftung. Die Wiedergabe auf der Internetseite einer umfangreichen Erwiderung von PD Dr. Stefan Weiß und des Unterzeichnenden, die die Stellungnahme als unsubstantiiertes, kulturpolitisch motiviertes Pamphlet entlarvte, vor allem mit der Intention verfasst, einem Konkurrenten den Zugang zu Fördermitteln zu verunmöglichen, wurde abgelehnt. Dass Wissenschaft nur der Wahrheitssuche dient, hat die Wissenschaftssoziologie längst widerlegt. Der Soziologe und Wissenschaftstheoretiker Bruno Latour etwa hat Situationen analysiert, in denen neue Theorien etablierte herausforderten. Ein Durchbruch erfolgte in aller Regel nicht über wissenschaftliche Institutionen, die von Repräsentanten des vorhandenen Wissens beherrscht werden. Selbst, wenn nur Teile einer etablierten Theorie revidiert würden, verlören diese die dominante Position, die sie vorher innegehabt hatten. Dass Sekundärliteratur, Werkausgaben, Biographien Goethes durch das Ernstnehmen der neuen Theorie in hohen Maßen überarbeitungsbedürftig werden würden, etwa die Monumentalbiographie Goethes von Nicholas Boyle, sein Opus magnum, lässt die kulturpolitische Dimension des Problems erahnen. Oder die großangelegte historisch-kritische Neuedition von Goethes Briefen, an der seit 2008 im Goethe- und Schiller-Archiv der Klassik Stiftung Weimar gearbeitet wird – jenes Archiv, das für die anonyme Stellungnahme verantwortlich zeichnete – erwähnt die seit 2003 verfochtene Theorie einer verbotenen Liebe zwischen Goethe und Anna Amalia nicht. Schwerpunkt der Neuedition soll die umfassende Kommentierung der Briefe sein, für Goethes erstes Weimarer Jahrzehnt wurden schon Bände vorgelegt. Sollte sich aber die junge Theorie in Zukunft nicht nur als erörterungswürdig, vielmehr auch als stichhaltig erweisen, so wird sich die Frage stellen, wer für das Desaster einer schon vor deren Veröffentlichung überholten, als Jahrhundertprojekt hochgepriesenen Neuedition verantwortlich zeichnet.

Gewisse Begriffe, die man neuerdings in der Goetheforschung zur Kenntnis nimmt, etwa die „graphologisch-kriminalistische Dimension“ in einer Rezension des sechsten Bandes der Neuedition (Anfang 1785 – 3. September 1786), deuten auf zwar noch schweigende, indes durchaus aufmerksam gewordene Gelehrte hin. Goethe schrieb seine Liebesbriefe an „Charlotte von Stein“ nicht immer eigenhändig, er diktierte auch welche seinem Faktotum Philipp Friedrich Seidel (1755–1820), der die Handschrift seines Herrn vollendet nachahmen konnte. Der Rezensent moniert, dass die Neuedition systematisch erörtern sollte, woran man erkennen könne, ob ein Brief von Goethes oder von Seidels Hand stamme. Für die hier vertretene Theorie wäre eine solche Erörterung von Interesse, zumal allein die Tatsache, dass Liebesbriefe diktiert wurden, aufmerken lässt. Dahinter steht die übergeordnete Frage nach der Methode, die Anwendung findet, wenn man vergangene Lebenszusammenhänge konkret zu rekonstruieren sucht. Soweit ersichtlich gibt es hierfür keine Methode in der Literaturwissenschaft, gelegentlich findet sich im Schrifttum das Wort strenger, reiner, schlüssiger, echter oder handfester philologischer Beweis, wenn gefragt wird, ob ein Text von einem bestimmten Autor stammt, ob eine Verwandtschaft von Wörtern vorliegt oder wenn es um die Bedeutung bestimmter Begriffe geht. Von „historisch-philologischer Beweis“ wird dann gesprochen, wenn höhere Zusammenhänge untersucht werden, etwa ob das Denken und die Lehren eines Autors bei einem anderen nachgewiesen werden können. Einfacher hat es da der juristisch geschulte, da es in der Gerichtspraxis stets darum geht, vergangene Zusammenhänge, die es zu rekonstruieren gilt, zu bewerten.

Als letztes Beispiel für die kulturpolitische Dimension der neuen Theorie sei der Sonderforschungsbereich „Ereignis Weimar-Jena. Kultur um 1800“ der Universität Jena genannt (1998 bis 2010), der von der Deutschen Forschungsgemeinschaft mit erheblichen Mitteln ausgestattet wurde. Das Konzept sprach für sich, nämlich Versäumnisse der Forschung von der Großherzogs- über die Kaiser- bis zur DDR-Zeit aufzuarbeiten, ging man doch zu Recht davon aus, dass die Instrumentalisierung Goethes durch die wechselnden Regimes entsprechende Verzerrungen hervorgerufen haben müssen. Nach den aktuellen Methoden vor allem der Geschichtswissenschaft sollten die Quellen neu aufgearbeitet werden. Dabei unterlief bei diesem ersten Aufarbeitungsversuch ein Fehler: Man rückte nicht die Frage in den Vordergrund, warum unter der Monarchie die Archive systematisch bereinigt wurden. Sollte die hier vertretene Theorie sich als tragfähig erweisen, dann steht die Forschungsarbeit, die der Sonderforschungsbereich „Ereignis Weimar-Jena. Kultur um 1800“ hätte leisten sollen, erst am Anfang.

Ein weiterer Meilenstein auf dem Weg, die neue Theorie um Anna Amalia und Goethe als ernstzunehmend zu etablieren, stellt der Vortrag des Literaturwissenschaftlers Prof. Dr. Wilhelm Solms (Marburg) „Das Bild der Geliebten in Goethes Versen an Lida“, gehalten bei der Anna Amalia und Goethe Akademie zu Goethes Geburtstag am 28. August 2012 in Weimar, dar. Wilhelm Solms analysierte ergebnisoffen Goethes Liebeslyrik im ersten Weimarer Jahrzehnt, sein Ergebnis lautet:

Und was hat er [Goethe] über seine Geliebte verraten? Sie ist eine Fürstin, die er mit der Prinzessin Psyche und einer Königin vergleicht, aber ohne Standesdünkel. Wenn sie unter sich sind, spielt der Standesunterschied keine Rolle. Sie ist nicht prüde und bigott, sie beweist ihm Treue und Freundschaft, sie inspiriert ihn, sie verbindet die Künstler und Gelehrten, die sie um sich versammelt hat, zu einem Freundeskreis und stellt für ihn das Idealbild einer aufgeklärten Herrscherin dar. Dieses Bild passt auf die Herzogin Anna Amalia, die zentrale Figur des Weimarer Musenhofs, aber nicht auf ihre Hofdame und Vertraute Charlotte von Stein. Es zeigt zumindest, wie Goethe die Herzogin gesehen hat oder sehen wollte. […]“

Ein Paradigmenwechsel in der Forschung zu Leben und Werk von Goethe und Anna Amalia ist eingeleitet worden, der Erkenntnisgewinn, die Forschungsresultate versprechen bedeutend auszufallen. Die verbotene Liebe zwischen Herzogin Anna Amalia von Sachsen-Weimar und Eisenach und Johann Wolfgang Goethe kann bereits jetzt als gut unterlegte Theorie bezeichnet werden, die einen breit angelegten Forschungsauftrag mehr als indiziert. Jeder ist herzlich eingeladen, bei diesem spannenden Unterfangen konstruktiv mitzuwirken.

(Anm. der Redaktion: Dieser Auszug aus dem Vorwort ist gekürzt, ohne Fußnoten, dafür teilweise mit Verlinkungen versehen)

Zum Weiterlesen:
Ettore Ghibellino: Goethe und Anna Amalia – Eine verbotene Liebe. 4. erweiterte Auflage, 336 S. Weimar: Denkena  2012, ISBN-978-3-936177-66-4, € 19.90

Zum Autor: Ettore Ghibellino, Jahrgang 1969, ist promovierter Jurist.  Seit 2001 lebt er als freier Autor in Weimar. Mit seiner Doppelbiographie zu Goethe und der Herzogin Anna Amalia erregt Ghibellino seit 2003 Aufsehen. Er ist Vorsitzender des Anna Amalia und Goethe Freundeskreises e. V. und Gründer der Anna Amalia und Goethe Akademie zu Weimar.

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