Von Kansas bis nach Kati

Erfurt und seine Partnerstädte

von Martin Röw

Besucher aus der Partnerstadt Lille im Rathaussaal (Foto: Martin Röw)

Besucher bestaunen die wuchtigen Gemälde im Rathaussaal. Aufmerksam folgen sie Erläuterungen: „Hier ist der Reformator Martin Luther zu sehen. Er wurde im Dom zum Priester geweiht.“ Es ist der Erfurter Oberbürgermeister Bausewein, der sich die Zeit genommen hatte, um Besucher aus Lille willkommen zu heißen. Es waren zwei Dutzend französische Schüler der Berufsschule „Michel Servet“, die da im historischen Rathaussaal empfangen wurden. Ein dreiwöchiger Austausch in Thüringer Unternehmen gab den angehenden Bäckern und Konditoren die Möglichkeit, in die Berufs- und Alltagspraxis deutscher Firmen hinein zu schnuppern. Der Oberbürgermeister nutzte die Gelegenheit, um die Schüler nicht nur persönlich zu begrüßen, sondern ihnen auch die Geschichte der Stadt näherzubringen. Die aufmerksamen Zuhörer schienen besonders fasziniert davon, wie eng die Geschichte der Stadt mit dem Leben Napoleon Bonapartes verflochten ist. Für Andreas Bausewein ist ein solcher Austausch gelebte Partnerschaft mit Lille, einer der elf Erfurter Partnerstädte.

Jeder kennt sie, die metallenen Platten, welche direkt vor der Rathaustür in den Boden eingelassen sind. Sie sind Ausdruck der Weltoffenheit der Landeshauptstadt Thüringens. Die Namen der Partnergemeinden stehen für den Wunsch nach Vielfalt und neuen Bekanntschaften. Städtepartnerschaften dienen der Völkerverständigung auf kommunaler Basis, dem Kennenlernen und Austausch von Menschen, Erfahrungen, Ideen und Wissen. Angesichts der fortschreitenden Globalisierung kommt auch den Städten eine eminent wichtige Rolle beim Brückenbau zwischen den Kontinenten, Nationen und Kulturen zu. Sie tragen zum Entstehen eines Dialogs über so verschiedene Gebiete wie Sport, Kultur, Sozialarbeit, Umweltschutz und kommunale Politik generell bei. Die Thüringer Landeshauptstadt pflegt nunmehr Städtepartnerschaften mit elf Städten. Die jüngste davon datiert auf den Februar des letzten Jahres, als die Stadt Kati, gelegen in der westafrikanischen Republik Mali, das Ensemble vervollständigte. Die ersten Partner konnte die Domstadt bereits 1971 mit Györ (Ungarn) und Lowetsch (Bulgarien) begrüßen. Auch noch aus der Zeit der ehemaligen DDR stammen die Partnerschaften mit Kalisz (Polen), Vilnius (Litauen), Lille (Frankreich) und Mainz. Nach dem Fall der Mauer waren bis 2005 mit San Miguel de Tucuman (Argentinien), Shawnee (Kansas, USA), Xuzhou (China) und Haifa (Israel) vier weitere Gemeinden Partner der Stadt Erfurt geworden.

Die metallenen Platten vor der Erfurter Rathaustür (Foto: Martin Röw)

Gelebte Partnerschaft

Doch wie schaffen die Partnerschaften letztlich die Transformation von geduldigem Papier in gelebte Praxis? Oft sind es Akteure der Zivilgesellschaft, gewöhnliche Bürger, von denen eine Partnerschaft lebt. Gerade das geringe Budget für internationale Verbindungen macht es geradezu unabdingbar, dass sich einzelne Bürger und Vereine engagieren. Ohne ihr meist ehrenamtliches Engagement, ohne den Willen, das Gegenüber besser kennenzulernen und den Austausch am Leben zu halten, kann eine Partnerschaft nicht gedeihen. Ein Paradebeispiel für eine gelungene Kooperation ist ein internationaler Theaterworkshop, der zuletzt 2008 stattfand.

„Die Schotte“ (Foto: Andreas Praefcke, GFDL via Wikimedia Commons)

Damals kamen in der „Schotte“ junge, aufgeschlossene und oft auch talentierte Jungen und Mädchen zwischen 14 und 22 zusammen, um in einer Theaterwerkstatt eine Woche lang mit Thüringer Theatermachern zu arbeiten. Die Laiendarsteller brachten schließlich Inszenierungen auf die Bühne, welche die geleistete Arbeit eindrucksvoll präsentierte. Die Gäste aus aller Welt tauchten voll und ganz ein in die hiesige Theaterszene, genossen aber auch das kulturelle Angebot der Landeshauptstadt und erkundeten die Stadt mitsamt ihren Attraktionen. Gleichsam ein voller Erfolg wurde regelmäßig das internationale Fußballturnier der D-Junioren, welches zuletzt 2009 an der Gera stattfand. Zahlreiche lokale und internationale Jugendmannschaften waren seinerzeit gegeneinander angetreten, um im sportlichen Wettkampf einen Sieger zu ermitteln. Das litauische Team aus Vilnius ging letztlich als Sieger vom Platz. Im Vordergrund stand aber weniger der Gewinn als vielmehr das freundschaftliche Miteinander. Alle Beteiligten leisteten auf ihre Weise einen Beitrag zum Austausch von Land und Leuten. Es bedeutet für Erfurt und Deutschland einen unschätzbaren Gewinn, diese Menschen angereichert mit vielfältigen positiven Erfahrungen und Impressionen als Botschafter in ihre Heimat zurückgehen zu lassen.

An anderer Stelle wurden Blumen zur schönsten Sprache der Welt. Im Mai 2011 waren Vertreter aus sechs der elf Partnerstädte zum 50. Jubiläum der ega zusammenkommen, um auf dem Gelände im Westen der Stadt einen „Partnerschaftsgarten“ anzulegen. Aus Haifa, Kalisz, Lowetsch, Mainz und Vilnius waren Studenten und Fachleute extra hierfür angereist. Nach nur zwei Tagen Einsatz war ein brach liegendes Gelände zu einem bunten Blütenmeer avanciert. Die Blumendekorationen in landestypischen Pflanzen, Farben und Formen boten einen Einblick in die Kulturen der verschiedenen Partnerstädte und stellten ein weithin sichtbares, farbenprächtiges Zeugnis der Völkerverständigung dar. Es wurde gekrönt von einem Pavillon samt Olivenbaum als Friedenssymbol, angelegt von Experten aus Haifa. In gelöster Stimmung wurden die Partnerschaftsgärten im ega-Park schließlich gemeinsam mit Oberbürgermeister Andreas Bausewein von den Delegationen der Partnerstädte eingeweiht.

Elf Städte, elf Partnerschaften

Jede Partnerschaft hat ihre eigene Dynamik und ihren spezifischen Charakter. Während zwischen einigen Städten strategische und materielle Partnerschaften bestehen, sind es an anderer Stelle eher ideelle und kulturelle Aspekte, die eine Rolle spielen. Die Beziehungen schlagen sich deshalb in der Praxis auch in den verschiedensten Bereichen und Gemeinschaftsprojekten nieder. Während es beispielsweise einen regelmäßigen Seniorenaustausch mit der Stadt Mainz gibt, besteht zwischen den Industrie- und Handelskammern Erfurts und Xuzhou eine Vereinbarung über wirtschaftliche Zusammenarbeit. Wo Erfurt in die Jahre gekommene Technik nach Lowetsch abgibt, bilden die Feuerwehren von Shawnee und Erfurt die Basis einer deutsch-amerikanischen Freundschaft. Die Abteilung Internationale Verbindungen der Stadt Erfurt ist bemüht, alle Beziehungen mit derselben Intensität zu pflegen, wie die Abteilungsleiterin betont. „Jede Partnerschaft wird unsererseits mit Impulsen unterstützt.

Die Marktstraße in Kati (Foto: Guaka, GFDL via Wikimedia Commons)

Unsere aktivste Partnerschaft ist zurzeit allerdings die mit der malischen Stadt Kati. Da bewegt sich etwas.“, so Gabriele Schmidt. Das derzeit größte gemeinsame Projekt ist ein Frauenzentrum – eine aus Erfurter Spenden finanzierte Begegnung- und Bildungsstätte für Katierinnen, insbesondere Witwen und Alleinerziehende. „Sie soll in Zukunft dem Austausch und Lernen dienen. Da bereits mit dem Bau begonnen wurde, jedoch erst ein Teil der 55.000 Euro aufgebracht werden konnte, werden hierfür weiterhin dringend Spenden benötigt.“, so Schmidt.

„Ich hoffe, sie haben eine wundervolle Zeit in Erfurt. Nehmen sie ganz viel mit und machen sie ein wenig Werbung für uns in Frankreich!“ Diese Worte gab Andreas Bausewein den französischen Berufsschülern mit auf den Weg. Es war ihnen anzumerken: Der Empfang im Rathaus war für viele ein einprägsames Erlebnis. Die jungen Menschen werden daheim Botschafter der Kulturbegegnung und der Städtefreundschaft sein. Botschafter, die fortan den Ruf der Thüringer Landeshauptstadt nach Frankreich tragen und andere Menschen mit Neugier anstecken werden. Und weil im Gegenzug die Erfurter Schüler nach Lille reisen, um dort ebenfalls mehrere Wochen Berufserfahrung zu sammeln und Land und Leute kennenzulernen, treten immer wieder Menschen in Kontakt, die sich unter anderen Umständen nie kennengelernt hätten. Aus Fremden werden Freunde – eben ganz wie es eine irische Lebensweisheit ausdrückt: Fremde sind Freunde, die sich noch nicht kennengelernt haben.

Zum Autor: Martin Röw, gebürtig aus Magdeburg, ist leidenschaftlicher Wahlthüringer. Er promoviert am Max Weber Kolleg in Erfurt mit einer Arbeit über „Seelsorge unter dem Hakenkreuz“.

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