Athen an der Saale

Dichter und Gelehrte über Jena und seine Universität

von Robert Eberhardt

Das von Günter Schmidt herausgegebene Lesebuch möchte Texte aus allen Epochen versammeln, die sich der alten thüringischen Universitätsstadt, dem „Saale-Athen“, widmen und aus ihrer bewegten Geschichte berichten. Dafür wurde der Fokus recht weit gefasst und wir finden offizielle Schreiben ebenso wie persönliche Erinnerungen aus dem Alltäglichen oder Berichte aus Krisen- und Katastrophenzeiten. Ein Mindestmaß an sprachlicher und literarischer Qualität eint die Beiträge. Dass Jena nach Weimar die am häufigsten beschriebene Literaturstadt Thüringens ist und daher nur einige Fixsterne präsentiert wird, gibt der Herausgeber einleitend zur Kenntnis. Trotzdem ist ein Kompendium aus mehr als 130 Beiträgen entstanden, das Jena von vielen Perspektiven aus beleuchtet.

Im Vorwort denkt der Herausgeber in großen Kategorien und bringt einige Gedanken zur Definition und den Spezifika eines bestimmten Ortes. Denn ein „Ort“ ist nicht nur der territoriale Raum einer Stadt, sondern vor allem auch ein historisch gewordener Gedächtnisraum. So leitet ein Wort Ciceros das Buch ein: „… so groß ist die Kraft der Erinnerung, die Orten innewohnt“. Eine knapp 20-seitige Einleitung gibt einen Abriss über die Stadtgeschichte, damit die literarischen Arbeiten nicht ohne Gerüst dastehen.

Die ältesten in diese Anthologie aufgenommen Texte stammen aus dem 16. Jahrhundert. 1557 wurde das akademische Gymnasium durch Kaiser Ferdinand I. in den Rang einer Universität erhoben. Bereits in diesem frühen in Latein geschriebenen Lobeshymnen auf die Stadt entdecken wir Topi, die sich durch die Zeit ziehen und besonders das Akademische oder Landschaftliche der Stadt huldigen. „Sachsens Zier“, „Musen-Sitz“ und, wegen seines milden Klimas übertrieben „Deutsches Florenz“, wurde Jena betitelt. So wie man heute Schwimmbäder „Toskana Therme“ nennt, bezog man sich schon damals auf das Sehnsuchtsland der Deutschen, auf Italien (freilich in geistreicheren Anspielungen als die jetzigen Marketing- und Tourismusexperten).

Zahlreich sind die Beiträge aus dem letzten Drittel des 18. Jahrhunderts als Jena eine „Heimstatt des Kantianismus“ war und das Klassische der Nachbarstadt Weimar sie endgültig zu der – wie Goethe es sagte – „Stapelstadt“ des Wissens machte. Die Romantiker gründeten hier ihre libertären Lebensentwürfe und beinahe alle Namen des geistiges Deutschlands finden eine Zeitlang Verbindung nach Jena: August Wilhelm und Friedrich Schlegel, Novalis, Hölderlin, Sophie Mereau.

Die biedermeierliche Idylle wandelt sich auch an der Saale in eine industrialisierte Stadt, die mit Carl Zeiss und Ernst Abbe ihre technischen Helden finden sollte. Etwa die Hälfte der Beiträge stammt aus dieser industriellen Zeit und aus dem 20.Jahrundert: Max Reger, Rudolf Eucken, Ricarda Huch, bis hin zu zeitgenössischen Autoren wie Christa Wolf und Lutz Rathenow. Viele der Autoren wird der Leser nicht kennen und lohnende Neuentdeckungen machen. Jedem Text steht eine kurze Einführung voran, der ausgewählte Abschnitt wird in das Gesamtwerk eingeordnet und der Bezug zur Stadt erläutert.

Es ist eine angenehme Abwechslung, eine Stadt einmal nicht über herkömmliche Stadtführer und historische Abhandlungen kennenzulernen, sondern anhand einiger literarischer Schlaglichter. Die unterschiedlichen Sprachstile machen Lust, sich den einen oder anderen Text in Gänze zu besorgen und mehr Literarisches über Jena zu lesen. Dass der empfehlenswerten Anthologie keine Abbildungen beigegeben sind, ist kein Mangel. So bleibt dem Geist genügend Freiraum, sich das Jena der verschiedenen Jahrhunderte und Milieus zu imaginieren und nicht von Momentaufnahmen in Bildern gefesselt zu werden.

Günter Schmidt (Hg.): Athen an der Saale. Dichter und Gelehrte über Jena und seine Universität. Mitteldeutscher Verlag, Halle, 2011. 311 Seiten.

Zum Autor: Robert Eberhardt, Autor, Verleger des Wolff Verlags und Student der Kunstgeschichte, ist Vorsitzender der Gesellschaft Kulturerbe Thüringen e.V.

Ein Kommentar (+deinen hinzufügen?)

  1. Trackback: Romantikerhaus | Coolis

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s