Meiningen – Musenhof zwischen Weimar und Bayreuth

Eine innovative Ausstellung im Schloss Elisabethenburg, vorgestellt von der Kuratorin

von Maren Goltz

Herzog Georg II. von Sachsen-Meiningen (1826-1914) und Freifrau Helene von Heldburg um 1890

Welche Regenten des Hauses Sachsen-Meiningens förderten Kunst und Kultur in besonderem Maße? Womit sorgte das kleine Herzogtum an der Wende des 19. zum 20. Jahrhundert in ganz Europa künstlerisch für Furore? Wovon war Max Reger zeitweise abhängig? Wer war Hans von Bülow? Und was heißt eigentlich musikalische Interpretation? – Kulturgeschichte zum Anfassen, Anschauen und Hinhören erleben Kinder, Jugendliche und Erwachsene gleichermaßen in der seit 23. Juni 2011 vollständig zugänglichen Ausstellung „Meiningen – Musenhof zwischen Weimar und Bayreuth“ in den ehemaligen Wohnräumen Herzog Georgs II. und Helene Freifrau von Heldburg. Das innerhalb von vier Jahren im südwestlichen Bereich der Oberen Galerie von Schloss Elisabethenburg realisierte Gesamtprojekt wurde maßgeblich unterstützt von der Stiftung Meininger Kliniken, der Stadt Meiningen sowie der Sparkassen-Kulturstiftung Hessen-Thüringen und der Rhön-Rennsteig-Sparkasse.

Nahegebracht wird den Besuchern in der Ausstellung insbesondere die kulturelle Hochzeit des Herzogtums im Zeitraum von 1873 bis 1914. Denn die herausragende Qualität des historischen Kulturstandortes Meiningen wurde wesentlich durch Herzog Georg II. und seine dritte Ehefrau, die ehemalige Schauspielerin Helene von Heldburg an der Wende des 19. zum 20. Jahrhundert bestimmt. Im Spannungsfeld zwischen Weimar und Bayreuth etablierten sie nach ihrer Heirat im März 1873 ein einzigartiges „Kunstparadies“ in der Residenzstadt an der Werra. Durch die konsequente Neuausrichtung musikalischer und theatraler Ensemblearbeit gelang nicht nur die glänzende Profilierung des Hoftheaters und der Hofkapelle, sondern auch eine entscheidende Weiterentwicklung der Kunstformen Theater und Konzert. Dieses kulturelle Potential wird auch nach dem Ende des „Musenhofes“ im Jahre 1918 in der „Musenstadt“ Meiningen in besonderem Maße gepflegt. Ein Hauptanliegen der Ausstellung ist es, den singulären Beitrag Meiningens zur klassischen europäischen Kultur in den Privaträumen von Herzog Georg II. und Helene Freifrau von Heldburg für ein breites internationales Publikum aller Altersstufen ab 8 Jahren in geeigneter Form aufzubereiten und erfolgreich zu kommunizieren.

Die Maximen der Vermittlung des in Zusammenarbeit mit der VERB-Agentur für Kommunikationsdesign Essen konzipierten und realisierten Konzeptes heißen dabei „Klarheit“, „Differenziertheit“ und „emotional-edukative Erfahrbarkeit“. So wird in Sachen „Klarheit“ Wert gelegt auf kurze deutsch/englische Kommentare. Ergänzend zu den Ausführungen für Erwachsene werden in jedem Raum Themen für 8- bis 14-jährige Kinder und Jugendliche aufbereitet, die selbstredend auch ältere Besucher neugierig machen sollen. Informationen zur jeweils überlieferten Raumsubstanz werden zu den Arbeiten des Meininger Fotografen Louis Otto Weber aus dem Jahr 1914 vermittelt. Ebenfalls in allen Räumen sind Piktogramme von Georg II. und Helene von Heldburg zu finden, welche mit kurzen, kommentierenden Original-Zitaten in Form von Sprechblasen versehen sind. Die Maxime „Klarheit“ meint die deutliche Trennung zwischen Ausstattung der historischen Räume und Ausstellungsgestaltung. Mit anderen Worten „schwebt“ jede Zutat zur historischen Raumausstattung über dem Boden bzw. vor der Wand mittels Podesten und Abstandshaltern. Neben der Würdigung von herausragenden Leistungen erfolgen auch Angebote für eine differenzierte Einordnung der Persönlichkeiten. Der Begriff der „emotional-edukativen Erfahrbarkeit“ zielt darauf ab, dass die Besucher thematisch und vermittlungstechnisch „bei sich selbst abgeholt“ werden. Zum Beispiel wird die „natürliche Neugierde“ der Besucher geweckt, um den durch eigenen Antrieb erworbenen und dadurch positiv korrelierten Wissenszuwachs nachhaltig im Gedächtnis zu verankern. Durch aktives Handeln sind zentrale Themen überdies nicht nur intellektuell, sondern auch emotional erlebbar.

Reger-Raum der neuen Ausstellung. Foto: Michael Reichel (ari)

Der Rundgang beginnt im Gemeinschaftlichen Wohnzimmer, jener „Schaltzentrale“ des Musenhofes, die schon um 1900 ausgestattet war mit einem Strom- und einem Telefonanschluss. In diesem Raum werden die Regenten des Hauses Sachsen-Meiningen vorgestellt und ihre Rolle als Förderer von Kunst und Kultur in den Mittelpunkt gerückt. Besondere Aufmerksamkeit gebührt dabei wie bereits erwähnt dem 1866 inthronisierten Herzog Georg II. von Sachsen- Meiningen, jenem gebildeten, kunstinteressierten und in vieler Hinsicht modernen Regenten, der mit Mitte 40 den Regierungsalltag und die politischen Grenzen seines kleinen Herzogtums genau kennt, nach neuen Gestaltungsräumen sucht und diese in der Weiterentwicklung der Kunstformen Theater und Konzert findet. Mittels der großformatigen Reproduktion eines Fotos begegnet der Besucher dem Hünen Georg II. und seiner Frau in Lebensgröße. Dass der Herzog die Ensembles Hofkapelle und Hoftheater wie private Unternehmen führte und diese dank des Engagements aller Beteiligten mit Muster-Interpretationen durch Deutschland und Europa gesandt werden konnten, erfahren die Gäste hier ebenfalls. Neben der Familiengeschichte mit den beiden ersten Frauen Charlotte und Feodora werden die vier Kinder aus den vorangegangenen Ehen vorgestellt. Die Geschwister Bernhard und Marie Elisabeth dürften wohl am wenigsten begeistert gewesen sein von der Schauspielerin Ellen Franz, die ihr Vater im März 1873 unter erheblichem familiären und öffentlichen Druck heiratete. Mit dem 1880 engagierten Hofkapellmeister Hans von Bülow rückte der Musenhof dann gewissermaßen personell wie künstlerisch in das Spannungsfeld zwischen Weimar und Bayreuth. Die Akteure warden hineingezogen in Germany’s longest running real-life soap opera” (The German Times, 2008). Erzählt wird diese Geschichte um grosse Gefühle, Kunst, Betrug und Leidenschaft übrigens nicht nur konventionell, sondern – insbesondere an Kinder und Jugendliche adressiert – auch in einem Comic mit dem Titel „Liebe, Kunst und Wahnsinn: die ganze Wahrheit“.

Die Ausstellung erzählt auch, was bislang selten zur Sprache kam: Freifrau Helene von Heldburg wird, auf Grund ihrer nicht standesgemäßen Heirat mit dem Regenten, zunächst sowohl von einem Teil der Familienangehörigen, der Hofbeamten und der Meininger Bürger ausgegrenzt. Mindestens ebenso schwer wiegt aus ihrer Sicht, dass sie nach ihrer Hochzeit nicht mehr als Schauspielerin auf der Bühne auftreten kann und darf, wodurch sie in eine veritable Lebenskrise stürzt. Die erfolgreichen Gastspielreisen des Herzoglichen Hoftheaters betrachtet sie deshalb nicht nur mit Stolz, sondern auch mit Wehmut. Dort, wo sie seit etwa 1873 über Jahrzehnte Schauspieler unterrichtet, im sogenannten Kleinen Salon, können die Besucher nun mit Hilfe einer Kamera Bilder jener Künstler entdecken, die sich in Meiningen entfalteten. An dieser Stelle blickt man von der Gegenwart in die Vergangenheit. Angefangen von Elīna Garanča, Andrea Moses, Sebastian Baumgarten und Kirill Petrenko reicht die Reihe der renommierten Künstler zurück bis hin zu Joseph Kainz, Veit Harlan und zu Hedwig Pringsheim.

Max Reger (1873-1916) wirkte von 1911 bis 1914 als Hofkapellmeister in Meiningen

Auch Max Reger, der Hofkapellmeister von 1911 bis 1914, hat nun wieder einen angemessenen „Ort“ im Schloss. Vorgestellt werden mit „Arbeit“, „Gier“ und „Anerkennung“ die grossen Themen seines kurzen Lebens. Aus der Nähe betrachten kann man jetzt nicht nur Schreibtisch, Notenschrank und seine Hausorgel. Auch die Stichvorlage der „Mozartvariationen“ op. 132 erzählt von jenem sich so gern als „Kraftprotz“ gebärdenden Komponisten, der doch in erster Linie ein überaus fleißiger, penibler, zielstrebiger und nicht zuletzt auch sensibler Tonsetzer war. Apropos Komponist: Anzuhören ist eine Auswahl jener Werke Max Regers, die in Meiningen oder dessen Umfeld entstanden. Und hineinsetzen können sich vorzugsweise die jüngeren Besucher in ein Oldtimer-Modell, um dort eine Autohupe zu bedienen, die das Thema von Regers Hiller-Variationen widergibt. Assoziationen zwischen tönenden Autohupen und heutzutage allgegenwärtigem Handy-Klingeln sind dabei durchaus naheliegend.

Hans von Bülow (1830-1894) wirkte von 1880 bis 1885 als Hofmusikintendant in Meiningen

In dem vor kurzem mit grosser Sorgfalt neu restaurierten Empfangszimmer geht es ebenfalls um ein Hauptthema in Meiningens Musikgeschichte, nämlich die von Hans von Bülow entscheidend veränderte Auffassung von musikalischer Interpretation. Wollte er doch nicht nur „wiedergeben“, „aufführen“ oder „reproduzieren“ wie Generationen von Dirigenten vor ihm. Der Schüler von Wagner und Liszt wagte vielmehr gänzlich Neues, indem er sich analytisch mit dem Notentext auseinandersetzte und diesen virtuos und betont subjektiv interpretierte. Der Museumsbesucher wird in dem Raum u. a. eingeladen, auf ein Dirigentenpult zu treten und zwischen fünf Einspielungen von Brahms‘ in Meiningen uraufgeführter Vierter Symphonie auszuwählen. An authentischem Ort wird nicht nur ein Eindruck vom Beginn des Werkes erfahrbar, sondern ein Vergleich der Interpretationen von Arturo Toscanini, Otto Klemperer, Carlos Kleiber, Günter Wand und Kurt Masur möglich, die alle von ‚ein und derselben Partitur‘ ausgehen. Dass sich Bülows Ansatz nicht nur auf Hofkapell-Mitglieder wie den Klarinettisten Richard Mühlfeld, auf Komponisten wie Brahms, Liszt und Wagner sowie auf seine Amtsnachfolger auswirkte Richard Strauss, Fritz Steinbach und Max Reger, sondern insbesondere auf viele Dirigenten nach ihm, wird mittels einer Computeranimation deutlich gemacht. Kinder und Jugendliche können an einer Bank Fragen von Kindern an Meininger Hofkapell-Mitglieder verfolgen wie diese: Was bedeutet es für einem Musiker, vor Publikum zu spielen? Was macht ein Dirigent überhaupt? Und wie kam der Tuba-Spieler ausgerechnet zu einem solch grossen Instrument?

In dem nachfolgenden, mit Reproduktionen von Alexander-Gobelins nach Gemälden von Charles Le Brun (Königliche Gobelin-Manufaktur Paris, 2. Hälfte 17. Jh.) ausgestatteten Herzoglichen Speisezimmer umgab sich das Herzogliche Paar zum Mittagsmenü gern mit hochrangigen Angestellten des Hofes und auswärtigen Gästen. Und das Museumspublikum von heute kann hier etwas über das Innenleben des Musenhofes erfahren. Denn die sorgsam aufeinander abgestimmte Speisen- und Getränkefolge eignete sich vorzüglich zu politischem und kulturellem ‚brainstorming’ wie auch zu entspannter Plauderei von Gastgebern und der in Frack bzw. Uniform sowie mit angelegten Orden erschienenen Gäste.

Johannes Brahms (1833-1897) war ein enger Freund des Herzogspaars. In Meiningen wurde seine 4. Sinfonie uraufgeführt.

Zwar sind viele Details über Brahms’ Meiningen-Visite Mitte März 1891 bekannt. Angenehmes mit Nützlichem verbindend, nahm er die Uraufführung von Widmanns Tragödie „Oenone“ am 15. März im Hoftheater zum Anlass für den neuerlichen Meiningen-Besuch. Das Zusammentreffen mit dem Ausnahmeklarinettisten Richard Mühlfeld wurde inspirierend für sein gesamtes Spätwerk. Anwesend waren bei dem Galadiner am 15. März 1891 14 Uhr neben Johannes Brahms und dem schweizerischen Schriftsteller Josef Viktor Widmann u. a. Hofmarschall Freiherr von Röpert, der Dichter Rudolf Baumbach, der Hofkapell-Intendant Max von Zezschwitz, Ludwig Chronegk sowie Hofkapellmeister Fritz Steinbach.

Doch worüber man bei dem klassischen 8-Gänge-Menü mit Austern, Veloute-Suppe, Forelle blau, Kalbsrücken mit Dauphine Kartoffeln, Hummer nach Gloucester Art, Fasanbraten, Salat, gedünstetem Obst, Erbsengemüse, gefrorenem Maronenpudding, Käsestangen sowie Nachtisch scherzte und sprach, wird uns verborgen bleiben. Ebenso, ob der von Brahms arrangierte und von Widmann berichtete „Spaß mit der ‚Prinzessin Eboli’ (Kapellmeister von Steinbach)“ eventuell auf das Gastspiel der Wiener Schauspielerin Maria Swobodas abzielte, die kurz vor der Hochzeit im März 1873 für Ellen Franz als Prinzessin Eboli in Meiningen gastierte und vom Publikum ebenso frenetisch wie demonstrativ gefeiert wurde.

Lauschen können die Museumsbesucher den beiden Gastgebern sowie Brahms und Widmann, was diese Dritten über jene ereignisreichen Meininger Tage berichteten. Anmoderiert vom Adelsexperten Rolf Seelmann-Eggebert lesen Frau Prof. Dr. Petra Stuber (HfMT Leipzig) und Schauspielstudierende wiederum Originalzitate. Unter anderem teilte Brahms seiner Freundin Clara Schumann seine Freude über das Zusammentreffen mit dem Klarinettisten Mühlfeld mit. Herzog Georg II. bat Ludwig Chronegk um  Hilfe wegen seines Gehörleidens und Widmann berichtete seiner Frau von seiner Verfassung vor der Premiere seiner Tragödie „Oenone“. Aus dem Munde Helene von Heldburgs erfahren die Besucher schließlich sogar von dem unerhörten Kriminalfall, der das Herzogliche Paar damals tatsächlich in Atem hielt. Natürlich dürfen nicht nur Kinder und Jugendliche nachschauen, was sich unter den Speiseglocken auf dem Servierwagen befindet.

Dass die Ausstellung historischer Musikinstrumente mit dem Klanglabor nicht nur ein Novum in der mitteldeutschen Museumslandschaft ist, hat sich seit der Eröffnung 2008 bereits herumgesprochen.

Zur Autorin: Maren Goltz, Musik- und Theaterwissenschaftlerin sowie wissenschaftliche Bibliothekarin (MLIS), ist seit 2004 Kustodin der Sammlung Musikgeschichte/Max-Reger-Archiv der Meininger Museen. Sie ist Vorstandsmitglied in der Academia Musicalis Thuringiae, der Internationalen Hans von Bülow Gesellschaft Meiningen e. V. und engagiert sich im Kuratorium Kulturstadt Meiningen.

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