500 Jahre Reformation

Die Vorbereitungen zum Reformationsjubiläum 2017 – ein Werkstattbericht

von Dr. Stefan Rhein

Das Lutherporträt Cranachs von 1528 diente als Vorlage des Logos der Lutherdekade.

Wer in den letzten Monaten die Betriebsamkeit von Landesregierungen, Stadtparlamenten, Konsistorien, Kirchengemeinden und Kulturinstitutionen verfolgte, konnte zur Auffassung kommen, dass das Reformationsjubiläum unmittelbar bevorsteht. In der breiten Öffentlichkeit sind Hoffnungen für eine vertiefte Ökumene auf 2017 hin formuliert worden, ja in manchen Köpfen und Gazetten tauchte sogar die Aufhebung des Banns gegen Martin Luther durch den Papst als Forderung und Hoffnung auf.
Vor ähnlich vielfältigen Erwartungen, Konflikten und Interessen, wenn auch unter anderen konfessionspolitischen Vorzeichen, standen die früheren Reformationsjubiläen, die fast durchweg von antikatholischer Polemik und nationaler Zentrierung geprägt waren: 1617 feierte man ein Glaubensfest im Zeichen der lutherischen Orthodoxie, und auch 1717 stand die Befreiung von der päpstlichen Herrschaft im Mittelpunkt des Gedenkens. Luther wurde als das auserwählte Werkzeug Gottes gegen die Knechtschaft des neuen römischen Babylon gefeiert. 1817 beeinflusste der Sieg über die napoleonische Fremdherrschaft die Feiern und führte zu einer nationalen Ausrichtung des Jubiläums: Luther als deutscher Held und bürgerlicher Idealtypus, vielfach inszeniert in Festumzügen und in der populären Druckgrafik. Der „deutsche Luther“ zog auch 1917 breite Aufmerksamkeit auf sich, zugleich gewann eine ernsthafte Auseinandersetzung mit Luthers Theologie zunehmende Bedeutung. Das letzte Reformationsjubiläum 1967 fiel für die Lutherstätten Mitteldeutschlands in eine Eiszeit des Staat-Kirche-Verhältnisses in der DDR – was zum Versuch der Säkularisierung der Reformation durch das Konzept der „Frühbürgerlichen Revolution“ und zur Marginalisierung der kirchlichen Veranstaltungen, zum Beispiel durch termingleiche Oktoberrevolutionsfeierlichkeiten, führte. In der Bundesrepublik fanden vor allem lokale Feiern der Landeskirchen statt, da die Fiktion einer gesamtdeutschen EKD durch eine zentrale kirchliche Festveranstaltung am 31. Oktober 1967 in Wittenberg aufrecht erhalten werden sollte.

Beendet sei der Blick in die Geschichte der Reformationsjubiläen mit dem Jahr 1527, denn am Anfang der protestantischen Erinnerungskultur steht der Reformator selbst, der am 1. November 1527 mit einem Freund auf die „Vernichtung der Ablässe vor zehn Jahren“ prostete – eine Legimitation der Reformationsmemoria avant la lettre. Für Luther war der Jubiläumsanlass ganz offensichtlich unbestritten: die Vernichtung der Ablässe. Was wir 2017 feiern, ist demgegenüber weit weniger klar. Die Debatte darüber entzündete sich unausweichlich bei der Festlegung der Wortmarke, als es um die Überschrift über das gesamte Jubiläum ging:

Luther, gemalt von Lucas Cranach 1529 (Hessisches Landesmuseum Darmstadt)

Die Entscheidung fiel auf „Luther 2017 – 500 Jahre Reformation“, um beides, Konzentration auf eine Person wie auch Offenheit für die geschichtliche Entwicklung, zu erreichen. Der unstrittig wichtigste Reformator und Verfasser der Thesen wie die Reformation in ihrer ganzen Vielfalt können damit in den Fokus des Jubiläums gerückt werden. Da gerade die Marketing- und Tourismusfachleute die Person weitaus mehr als die Sache in den Rang einer Identifikations- und Aufmerksamkeitsmarke erheben, läuft folgerichtig die Jubiläumswebsite unter der Adresse www.luther2017.de. Die nach der Festlegung der Wortmarke entwickelte Wortbildmarke zeigt prominent das Porträt Luthers nach Cranach. Das Jubiläumslogo wurde mit folgender Interpretation öffentlich kommuniziert: „Die Wortmarke ‚Luther 2017 – 500 Jahre Reformation‘ verbindet wichtige Aspekte des Jubiläums: Luther als zentrale Figur und zugleich die gesamte Wirkungsgeschichte der Reformation in Kirche, Politik und Gesellschaft.“
Wer aber traf diese Entscheidung? Die Antwort – die Entscheidung traf das Kuratorium nach fachlicher Auswahl der AG Marketing und Öffentlichkeitsarbeit und nach Vorbereitung des Beschlusses durch den Lenkungsausschuss – führt nahtlos zu einer Darstellung der komplexen Gremienstruktur der Jubiläumsorganisation: alle Gremien sind paritätisch kirchlich und staatlich besetzt, da unbestrittener Konsens ist, dass ein Zwei-Säulen-Aufbau, wie etwa noch 1983 mit einem Staatlichen Martin-Luther-Komitee der DDR unter Leitung von Erich Honecker und einem kirchlichen Pendant, vermieden werden sollte.
Unter dem Dach der Stiftung Luthergedenkstätten in Sachsen-Anhalt wurde, finanziert vom Land Sachsen-Anhalt, 2007 eine Geschäftsstelle eingerichtet, die sich der Vorbereitung des Reformationsjubiläums 2017 und der Lutherdekade widmet und von Beginn an länderübergreifend agierte, um das Jubiläum zu einem bundesweiten und internationalen Ereignis zu entwickeln. Staatlicherseits, das heißt aus der Perspektive des Bundes, der Länder und der Kommunen, lassen sich unter anderem folgende Erwartungen an das Reformationsjubiläum formulieren:

  • Wirkungen der Reformation in Kunst/Kultur, Gesellschaft und Politik aufzeigen
  • internationale Ausrichtung (Deutschland als ‚Land der Reformation‘ kommunizieren)
  • Erhalt und Vermittlung des kulturellen Erbes (von Baumaßnahmen in der reformationshistorischen Infrastruktur bis hin zu Initiativen kultureller Bildung, beispielsweise in Schulen)
  • Wirtschaftszweig Tourismus steigern

Von kirchlicher Seite steht die Geschäftsstelle „Luther 2017 – 500 Jahre Reformation“ der EKD in Wittenberg als Ansprechpartner zur Verfügung, die am 1. Oktober 2008 ihre Arbeit aufnahm. Beide Geschäftsstellen haben ihren Sitz in Wittenberg, was der reibungslosen und vertrauensvollen Zusammenarbeit von Staat und Kirche sehr zu gute kommt. Der Standort illustriert im Fall der EKD in besonderer Weise ein starkes Bekenntnis zu Wittenberg als Zentralort des Reformationsjubiläums – ein Beleg auch für die (Wieder-)Entdeckung Wittenbergs durch die Evangelische Kirche in Deutschland.
Ein Jubiläum, das thematisch und strukturell so komplex wie das Reformationsjubiläum ist, bedarf eines Vorlaufs, in dem neben der konzeptionellen Arbeit an den Inhalten auch die Vorbereitung der nationalen und internationalen Öffentlichkeit durch Werbung und touristisches Marketing erfolgen sollte. Ein solcher Vorlauf kann mit der willkürlichen Setzung eines Zeitraums vielleicht fünf Jahre vor dem Festanlass beginnen, oder er kann ein historisches Datum aufgreifen, das in qualitativer Verbindung mit dem Jubiläumsdatum steht. Der Thesenanschlag am 31. Oktober 1517 markiert den Abschluss der vorreformatorischen Wittenberger Jahre Luthers. Er ist überdies die öffentliche Artikulation der Entwicklung hin zum Reformator, deren Peripetie im Turmerlebnis ihren biographischen Ort besitzt. Luthers Wittenberger Jahre beginnen mit dem Wintersemester 1508/9, also im September 1508. Dieses Datum, um 500 Jahre auf September 2008 verschoben, bildete demnach einen passenden Startpunkt für eine Vorbereitungszeit, die zehn Jahre umfasst (zumindest in der Zählweise des 16. Jahrhunderts, die das Ausgangsjahr immer mitzählt), also den Zeitraum von September 2008 bis Oktober 2017. Damit konnte zudem die zahlenmagische Dekadenstruktur aufgegriffen werden. Das Konzept der vorbereitenden Dekade wie auch ihre zeitliche Festlegung mit den beiden Wittenberger Daten September 1508 – 31. Oktober 1517 wurde von den Wittenberger Akteuren erarbeitet, so dass folgerichtig die Vorbereitungszeit auf das Reformationsjubiläum am 3. Septemberwochenende 2008 in Wittenberg gestartet wurde.

International bekannt: die Lutherstube auf der Wartburg bei Eisenach.

Der zunächst eher lokal fokussierte Einstieg in die Vorbereitungsphase des Reformationsjubiläums sollte sich mit überraschendem Tempo zu einem bundesweiten, ja internationalen Ereignis entwickeln, vor allem seitdem die Zusagen des Bundesinnenministers zu einem Grußwort, des Ratsvorsitzenden zur Festrede und des Präsidenten des Lutherischen Weltbundes zur Festpredigt vorlagen. Ein großes Ausrufezeichen wurde gesetzt, das viele Erwartungen weckte. Die Eröffnung der Dekade behauptete Grundlinien und setzte diese auch um, die für die Initiatoren vor Ort, insbesondere für die beiden Geschäftsstellen, den Anspruch ihrer Arbeit umreißen: Das Reformationsjubiläum 2017 soll nicht national, nicht ausschließlich historisch, nicht konfessionell verengt gestaltet und gefeiert werden; es soll vielmehr von Internationalität, prospektiver Diskursivität und Ökumenizität charakterisiert sein – auch und gerade im Kontrast zu früheren Reformationsjubiläen.
Um später einmal den ‚Erfolg‘ der Dekade beurteilen zu können, müssen zunächst die Erwartungen geklärt werden, die an diese Vorbereitungszeit wie auch an das Jubiläum selbst geknüpft werden. Hier werden unterschiedliche Akteursgruppen naturgemäß unterschiedliche Zielvorstellungen mitbringen.

Damit die Dekade sich nicht nur als nützlicher Rahmen für Bau- und Marketingmaßnahmen erweist, braucht sie eine innere Struktur, um ihren Sinn zu vermitteln. Sie verlangt nach einem „langen Atem“, der die öffentliche Aufmerksamkeit aufrecht erhält und mit Blick auf 2017 sogar noch steigert. Notwendig ist also eine Dramaturgie, die es versteht, einen Spannungsbogen für die gesamte Dekade zu entwickeln und zu entfalten. Dabei setzen die Jubiläumsjahre im Kontext der Reformation erste Pflöcke, so etwa der 500. Geburtstag Calvins 2009, der 450. Todestag Melanchthons 2010, im weiteren Sinn der 800. Geburtstag des Leipziger Thomanerchors 2012 und der 500. Geburtstag Lucas Cranachs d. Jüngeren 2015. Die Gefahr eines solchen Jubiläumshoppings sollte gleichwohl mitbedacht sein: Jedes Jahr beansprucht ein in sich stimmiges thematisches Profil und eine Jahresdramaturgie mit Höhepunkten, so dass insbesondere durch die Themenschwerpunkte mit historischen Bezügen auf die Zeit nach 1517 der Vorbereitungscharakter der Dekade unscharf wird. Allerdings bietet ein zeitversetztes Mitgehen mit Luthers Leben und Werk von 1508 bis 1517 mit Ausnahme der Romreise nur wenige Abwechslungen und Ereignisse. Als Vorbereitungszeit auf den 31. Oktober 1517/2017 lädt die Dekade zur Auseinandersetzung mit den 95 Thesen ein, deren textlichen Sprengstoff es noch zu entdecken gilt. So bieten ihre Formulierungen vielfältige Anlässe zum Weiterdenken, etwa ihr Anfang „Aus Liebe zur Wahrheit“ oder “ …den Armen zu geben ist besser“, „… man muss lehren“, „… und ist kein Friede“, „… befreit und selig werden“ bis hin “ … der wahre Schatz“, um über Wahrheit und Wahrheiten, Verteilungsgerechtigkeit, Allgemeinbildung und Orientierungswissen, Streitkultur und Zivilcourage, Bindung und Freiheit oder über die Ökonomisierung des Lebens, des Glaubens und der Hoffnung ins Denken und ins Gespräch zu kommen. Konsens fand schließlich eine transparent-griffige Struktur, die herausragende Jubiläen mit Themen verbindet, beziehungsweise zentrale Themen an Jubiläen knüpft. Der von den beiden Geschäftsstellen herausgegebene Flyer zu den Themenjahren der Lutherdekade illustriert diese Pendelbewegung zwischen Anlass und Thema und verspricht einen verlässlichen Fahrplan auf aktuellen Gleisen samt historischem Geländer:

1508 kommt der Mönch Martin Luther nach Wittenberg. 1517 veröffentlicht er seine berühmten 95 Thesen. Die Reformation beginnt. In der Lutherdekade 2008–2017 wird das weite Themenspektrum der Reformation in Themenjahren aufgenommen und entfaltet. So wird zum einen an die historischen Gedenkjahre (450. Todestag Melanchthons 2010 oder der 500. Geburtstag Lucas Cranach d.J. 2015) angeknüpft. Zum anderen nimmt die Lutherdekade Impulse der Reformation auf, die bis in unsere heutige Zeit reichen.

  • 2008 Eröffnung der Lutherdekade
  • 2009 Reformation und Bekenntnis: Calvin gilt als ein Gründungsvater des reformierten Protestantismus mit weltweit circa 80 Millionen Mitgliedern. Zu Calvins 500. Geburtstag rücken unter anderem sein Kirchenverständnis und seine Wirtschaftsethik in den Fokus. Wegweisend bis heute ist auch das Bekenntnis der Barmer Theologischen Erklärung vor 75 Jahren.
  • 2010 Reformation und Bildung: Der 450. Todestag Philipp Melanchthons, des „Praeceptor Germaniae“ („Lehrer Deutschlands“), lädt zur Auseinandersetzung mit den Bildungsimpulsen der Reformation ein: Demokratisierung von Bildung, Einheit von Glaube und Bildung sowie Grundlegung von Allgemeinbildung.
  • 2011 Reformation und Freiheit: Der mündige Christenmensch steht im Mittelpunkt der Reformation. Mit der Taufe ist das allgemeine Priestertum aller Glaubenden verbunden. Der aufrechte Gang unter Gottes Wort und zugleich die solidarische Hinwendung zum Mitmenschen sind die beiden Pole reformatorischer Freiheit.
  • 2012 Reformation und Musik: Die Reformation legte einen Grundstein der europäischen Musikkultur – vom Gemeindegesang bis zur Hausmusik. Dafür stehen Komponisten wie Bach, Schütz, Telemann und Händel, aber auch der Leipziger Thomanerchor, der 2012 sein 800-jähriges Bestehen feiert. Es gilt, diese reiche Tradition lebendig zu halten und neue Wege zu erproben.
  • 2013 Reformation und Toleranz: Ökumenische Gemeinsamkeit ohne nationale und konfessionelle Begrenzung – das ist eine Anspruch der Lutherdekade 450 Jahre nach Abschluss des Konzils von Trient (1563) und der Formulierung des Heidelberger Katechismus sowie der Leuenberger Konkordie vor 40 Jahren als Zeugnis der innerprotestantischen Ökumene. Dabei dürfen die intoleranten Seiten der Reformation nicht verschwiegen werden.
  • 2014 Reformation und Politik: Obrigkeit und Mündigkeit, Glaube und Macht, Gewissensfreiheit und Menschenrechte – das sind Themen der Reformation und zugleich der Gegenwart, die eine breite Diskussion in Kirche und Gesellschaft verdienen.
  • 2015 Reformation – Bild und Bibel: Anlässlich des 500. Geburtstages des jüngeren Cranachs kommt die Kunst der Reformationszeit in den Blick. Die Reformation war auch eine Medienrevolution. Eine neue Wort- und Bildsprache entstand. Welche Bilder findet der Glaube heute und wie wird diese Botschaft durch Medien, Bild und Sprache vermittelt?
  • 2016 Reformation und die Eine Welt: Von Wittenberg ging die Reformation in die Welt. Über 400 Millionen Protestanten weltweit verbinden ihre geistig-religiöse Existenz mit dem reformatorischen Geschehen. Am Vorabend des Reformationsjubiläums werden die globalen Prägekräfte im Mittelpunkt stehen.
  • 2017 Reformationsjubiläum: Im Jubiläumsjahr „500 Jahre Reformation“ steht Luthers Erkenntnis der „Rechtfertigung aus Gnade“ im Mittelpunkt und wird weltweit mit kirchlichen und kulturellen Veranstaltungen, Tagungen und großen Ausstellungen gefeiert werden – Höhepunkt der Lutherdekade, jedoch nicht das Ende der Begegnung mit Luthers Leben und Werk.

Dr. Stefan Rhein ist Leiter der Geschäftsstelle „Luther2017“.

Share

Ein Kommentar (+deinen hinzufügen?)

  1. Ossi Kettunen
    Sep 11, 2011 @ 19:25:33

    Herzliche Grüsse aus Schweden!

    Mein Gedanke ist, dass man eine neue Reformationssymphonie für das (500 Jahre) Jubiläum (2017) komponieren sollte. Diese Musik sollte eine Freiheitssyphonie sein. Die Freiheit eines Christenmeschen ist das systematische und inhaltliche Zentrum der reformatorischen Thelogie Luthers. Darum sollte man eine Freiheitssyphonie für das Jubiläum komponieren. Wir Thelogen (Lutherforscher) könnten die Titel/Rubriken der Teile von dieser Symphonie formen. Felix Mendelssohn hat eine frühere Symphonie komponiert.

    Mi besten Grüssen
    Ossi Kettunen
    Dr. theol.
    Härnösand, Schweden
    Tel. + 46 611 40447 oder 40080

    Antworten

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s