Ein deutscher Prinz in England

Biografie über Albert von Sachsen-Coburg und Gotha (Hans-Joachim Netzer)

von Robert Eberhardt

Die Hochzeit Prinz Williams mit Catherine Middleton am 29. April gilt dieses Jahr als Höhepunkt  des weltweiten Medienboulevards, welcher die Aufmerksamkeit einmal mehr auf das englische Königshaus lenkt. Wer mag, kann dies zum Anlass nehmen, sich mit den Thüringer Wurzeln der britischen Royals zu beschäftigen, denn seit 1840 trug die Familie den Namen des wettinischen Hauses Sachsen-Coburg-Gotha und legte diesen erst im Zuge des Ersten Weltkrieges am 17. Juli 1917 zugunsten der Bezeichnung „Windsor“ ab.

Wer den genealogischen Spuren in das thüringische Gebiet nachgehen und zugleich die Biografie eines überaus interessanten Adeligen kennenlernen möchte, dem sei die Arbeit über Albert von Sachsen-Coburg und Gotha (1819–1861) von Hans-Joachim Netzer empfohlen. 1988 erschienen, in den 90er Jahren mehrfach als Taschenbuch gedruckt und heute kostengünstig antiquarisch zu beziehen, ist diese Lebensstudie immer noch das eingängigste und beste Buch über das Leben des Prinzgemahls.

1840 heiratete der Coburger Herzogssohn seine Cousine Victoria (gemeinsamer Großvater war Franz Friedrich Anton von Sachsen-Coburg-Saalfeld, 1750–1806) und hatte als „deutscher Import“ Ressentiments der englischen Aristokratie durch Fleiß und Charme zu widerlegen. Er verabscheute den Londoner Gesellschaftsrummel, opferte für die Heirat seine Heimat, Zusammensein mit Freunden und die Ruhe seiner Studierstube. Als Ehemann war er die prägende rechte Hand der von 1837 bis 1901 regierenden Queen, beriet und vermittelte nicht nur in Staatsaufgaben, avancierte geradezu zum „heimlichen König“, war das natürliche Familienoberhaupt und Erzieher der neun Kinder. Diese besondere Ehe schildert Hans-Joachim Netzer in ihren privaten wie politischen Dimensionen und vermittelt gleichzeitig Kenntnisse über das damalige europäische Geschehen: die dynastischen Verzweigungen, den gesellschaftlichen Fortschritt, der sich in der Weltausstellung von 1852 manifestierte, und die dadurch bedingte Verdüsterung der ökologischen und sozialen Umwelt. Auch zu seiner Heimatregion hielt Albert nach seiner Heirat engen Kontakt. Mit Victoria besuchte er etwa 1845 im Gothaer Winterpalais (das erst im März 2011 durch einen fragwürdigen Teilabriss durch die Stadt Gotha fast vollständig zerstört wurde) seine für ihn wichtige Stiefgroßmutter Karoline Amalie von Sachsen-Gotha-Altenburg.

In der ersten Hälfte des Buches beschreibt Netzer ausführlich die Kindheit und Jugend des kunstsinnigen Mannes. Es folgt die Schilderung der einunzwanzig Ehejahre,  in denen Albert den englischen Hof zu einem Treffpunkt von Philosophen und Schriftstellern, Ingenieuren und Musikern machte und sich angesichts der Industrialisierung um ein Miteinander von Kunst und Technik, Staat und Wissenschaft, Unternehmern und Arbeitern bemühte. Mit seinem frühen Tod endete diese geistig agile Atmosphäre und das Königshaus blieb, so stellt der Autor fest, bis heute im formalen Sinn der Gipfel der Gesellschaft – und nicht mehr. Allen interessierten Lesern ist die Biographie ohne Einschränkung zu empfehlen. Für Prinz William möge sein eng mit dem Thüringer Gebiet verbundener tugendhafter Vorfahre ein hoffentlich bekanntes Vorbild sein.

Hans-Joachim Netzer: Ein deutscher Prinz in England. Gemahl der Königin Victoria. München 1988. (C.H. Beck).

Zum Autor: Robert Eberhardt, Autor, Verleger des Wolff Verlags und Student der Kunstgeschichte, ist Vorsitzender der Gesellschaft Kulturerbe Thüringen e.V.

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Ein Kommentar (+deinen hinzufügen?)

  1. Stefanie Kießling
    Nov 17, 2011 @ 14:26:49

    erst kürzlich ist auch in der ZEIT ein Artikel über ihn erschienen: http://www.zeit.de/2011/44/Prinz-Albert/komplettansicht

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