Jean Paul: Weimar-Berlin-Meiningen

Vorstellung des neuen Bandes der Jean-Paul-Briefedition

von Robert Eberhardt

Prof. Norbert Miller

BERLIN – Ein erster Berliner Frühlingsabend. Vor dem Festspielhaus am Gendarmenmarkt Vogelkonzert unter gerötetem Himmel, als in der nahen Akademie der Wissenschaften am 21. März 2011, dem 248. Geburtstag Jean Pauls, Band 4 der Briefedition des Dichters (1763–1825) vorgestellt wird. Er betrifft Schreiben an ihn während seiner Zeit in Berlin, Meiningen und Coburg: ein Lebensabschnitt, in dem der Dichter geradezu als „Popstar“ gefeiert wird, er die Berliner Salons frequentiert, seine Ehefrau findet und schließlich doch die preußische Kapitale verlässt und in die thüringische Provinz, nach Meiningen, zieht.

Von all dem war die Rede in der von Norbert Miller eingeleiteten Veranstaltung. Monika Grütters, Vorsitzende des Ausschusses für Kultur und Medien im Deutschen Bundestag, würdigte den ob der Eigenwilligkeit und schwierigen Zugänglichkeit seiner Texte heute nicht mehr allzu häufig gelesenen Autor mit persönlichen Bezügen. Die studierte Germanistin schrieb ihre Magisterarbeit über Idyllen im Werke Jean Pauls und unterstrich ihre Wertschätzung für diesen deutschen Klassiker, der nach Stefan George zwar nicht der bedeutendste Schriftsteller der Deutschen Klassik war, aber der mit dem „größten poetischen Ingenium“.

Jean Paul

Rund ein halbes Jahr lebte Jean Paul 1800 und 1801 in Berlin – für ihn, nach einem seiner Bonmots, mehr ein Weltteil als eine Stadt. Nachdem er zuvor einige Jahre in Weimar verbracht hatte, zog er an die Spree, wohnte in einem recht bescheidenen Stübchen, war trotzdem der literarische Star der gebildeten und höfischen Kreise und partizipierte an der agilen Atmosphäre dieser Stadt und ihrer jungen Generation. Vielfältige Kontakte zu Berliner Dichtern und Philosophen erwachen in dem aktuellen Band des Briefwechsels in unverstellter Nähe, lassen mitunter auch schmunzeln, so die einladende Zeile: „Essen Sie doch aufgewärmte Kohlrüben bei mir“.

Gerade die Rezitation ausgewählter Schreiben durch den Schauspieler Friedhelm Ptok gaben den historischen Dokumenten ihre Lebendigkeit zurück, das leichte Leben, den Tratsch, die geistige Auseinandersetzung im damaligen Berlin, von dem nach 200 Jahren Weltgeschichte heute praktisch keine architektonischen Realien mehr aufgespürt werden können und die Traditionslinie zu Jean Paul in vielfacher Hinsicht eine brüchige ist.

Selig machende Einsamkeit

Nach Liebeseskapaden fand er in Caroline Meyer seine Frau. Doch trotz des gesellschaftlichen Dazugehörens in der Hauptstadt war für ihn klar nach Schaffung dieser festen Bindung einen neuen Wohnort zu wählen, einen Ort fern der Spreemetropole, welche schon damals als ein die Zerstreuung provozierender Ort gesehen wurde. Vor allem strebte Jean Paul nach finanzieller Absicherung. Nach Abwägung verschiedener Möglichkeiten zieht das junge Ehepaar im Juni 1801 in die südthüringische Residenzstadt Meiningen. Die „selig machende Einsamkeit“ bietet bessere Lebensbedingungen für den Schreibenden, eine intensive Arbeitsperiode beginnt. Die Sehnsucht nach „erhabenen Menschen“, die er in Meiningen nicht findet und allerlei andere Beweggründe werden Jean Paul und Frau 1803 weiter nach Bayreuth führen. Die Bindungen an den thüringischen Raum bleiben dennoch zahlreich.

Am besagten Abend in der Akademie der Wissenschaften wurde schließlich auch darüber informiert, dass die Beschreibung des umfangreichen Nachlasses von Jean Paul in der Staatsbibliothek Berlin abgeschlossen wurde. Für die weitere Erforschung seines Lebens, das bedeutende Abschnitte in Thüringen kennt, sind somit beste Voraussetzungen geschaffen.

Zum Weiterlesen:

Jean Pauls Sämtliche Werke. Historisch-kritische Ausgabe. Vierte Abteilung. Briefe an Jean Paul. Band 4: 1800 bis 1804. Herausgegeben von Michael Rölcke und Angela Steinsiek. Erschienen im Akademie Verlag 2010. 198 Euro.

Zum Autor: Robert Eberhardt, Autor, Verleger des Wolff Verlags und Student der Kunstgeschichte, ist Vorsitzender der Gesellschaft Kulturerbe Thüringen e.V.

Share

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s